28. April 2010 / , / 9c

Ein ordentlicher Mensch

Ich bin der Überzeugung, dass alles, was wir aufnehmen, uns auf irgendeine Weise irgendwann einmal nützlich sein kann. Nicht dass diese Nützlichkeit auf den ersten Blick ersichtlich wird, aber irgendwann wird sie sich schon offenbaren und dann bin ich glücklich darüber, dass ich eine bestimmte Erfahrung gemacht habe. Genauso verhält es sich bei mir mit Gegenständen. Ich sammle für mein Leben gerne Arthouse-Filme, alte Science-Fiction-Bücher, Fotos von alten Gebäuden, Mode-Magazine, DDR-Geschirr, alten technischen Kram, der zwar nicht mehr funktioniert, aber immer noch irgendwie einen ästhetischen Charme versprüht und alles eigentlich, was mir so gefällt. Manche Menschen würden mich deshalb wahrscheinlich zynisch als Messie verunglimpfen, aber ich bezeichne mich lieber als enthusiastischen Sammler.

[ordnung]

Mein Regal ordnet mein Leben.

Das Sammeln gehört dabei in meiner Familie schon fast zum guten Ton. Man sammelt jeden Kram und würde es sich wahrscheinlich nie verzeihen, wenn es darum geht, sich auch nur von einer klitzekleinen Sache zu trennen. Zu sehr haben wir die Hoffnung, dass es für uns nützlich werden könnte, zu sehr sind wir mit jedem Gegenstand verbunden, erinnern uns daran, wie wir ihn gefunden oder erlangt haben. Jedes Ding hat seine Geschichte und seine Tradition. Es macht uns dabei wahrscheinlich einfach zu viel Spaß wenigstens für ein paar Sekunden den hektischen Alltag beiseite zu schieben und in der Vergangenheit zu schwelgen.

Doch in unserer Familie sind wir nicht nur begnadete Sammler, wir sind auch unnachgiebige Ordnungsfanatiker. Auch wenn es in einigen Fällen vielleicht nicht danach aussieht, aber ich liebe Ordnung, Benutzerfreundlichkeit und Minimalismus. Ich mag es, wenn Dinge einem System folgen, das man nachvollziehen und selbst benutzen kann. Viele Dinge lassen sich dadurch leichter erledigen und man fühlt sich auch viel eher im Gleichgewicht mit seinem Umfeld. Auf der anderen Seite liebe ich aber auch die Unordnung, das Durcheinander und das Chaos. Die Einzigartigkeit, mit der bestimmte Gegenstände genau den Raum einnehmen, den sie im Chaos haben, ist atemberaubend. Jeder Gegenstand, den man hinzufügt, beeinflusst das gesamte System. Alles ist verbunden und so vielseitig, wie man es sich nur vorstellen kann.

Es ist paradox, wie sehr ich diese zwei Gegensätze liebe. Aber wiederum auch nicht, wenn man das Chaos nicht als Chaos sondern als geordnetes System versteht, in welchem jeder Gegenstand nur den Platz einnehmen kann, den er genau in diesem Moment einnimmt. Vom Logischen her kann das Chaos natürlich keine Ordnung sein, da aber Chaos ein relativer Begriff ist, der sehr stark von der subjektiven Perspektive des Betrachters abhängt, muss man manchmal nur seinen Blickwinkel ändern, um in einer scheinbar beliebig wirkenden Zusammenwürflung von Dingen doch noch Perfektion zu erkennen.

Ich finde dieses Zusammenspiel der Gegensätze total interessant, weil es uns bewusst macht, dass Gegensätze manchmal näher beisammen sind, als wir es zunächst angenommen haben. Es inspiriert mich dazu, Dinge auf eine andere Weise zu betrachten und es macht mir Spaß mit Ordnung und Chaos herumzuspielen. Ordnung ist das wichtigste Prinzip von allen. Ohne Ordnung gäbe es keine Sprache, ohne Ordnung gäbe es kein gut oder schlecht, ohne Ordnung gäbe es wahrscheinlich nicht einmal Gefühle, da wir nur mit den Kategorien, die uns unser Körper zur Verfügung stellt, etwas für uns begreifbar machen können. Ordnung ist nicht nur das halbe Leben. Es ist das gesamte Leben.