2. Mai 2010 / / 0c

This is England (2006)

Das 2005 größtenteils in Nottingham gedrehte Drama von Shane Meadows erzählt die Geschichte des vaterlosen 12-jährigen Shauns, der sich Anfang der 80er-Jahre einer Skinhead-Bande anschließt und im weiteren Verlauf durch den Einfluss des Nationalisten Combo eine Spaltung, Radikalisierung und Politisierung der Gruppe miterlebt.

Inhaltsangabe

Die Geschichte beginnt mit Shauns Alltag und zeigt ihn, wie er in seinem etwas heruntergekommenen Zimmer aufwacht, zu einem Kiosk marschiert und dort dann herausgeworfen wird, weil er ohne zu bezahlen dort einen Comic gelesen hat und in der Schule, wo er eine Schlägerei mit einem größeren Schüler anfängt, weil dieser seinen toten Vater beleidigt hat. Nachdem Shaun deprimiert aus der Schule heimkehrt, trifft er unter einer Brücke auf eine Skinhead-Bande, die vom charismatischen Woody geleitet wird. Woody will ihn aufheitern, weil er eine schwere Zeit hinter sich gebracht hat und stellt Shaun die Gruppe vor. Allerdings gerät Shaun mit Gadget in Konflikt und verzieht sich dann nach Hause.

Am nächsten Tag wird er von Gadget aufgesucht, der ihn um Verzeihung bittet und ihn fragt, ob er nicht Lust hätte, an einer Jagd teilzunehmen. Dabei verkleiden sie sich und randalieren in einer verlassenen Siedlung in der Umgebung. Als Gadget allerdings schon wieder von der Gruppe aufgezogen wird, lässt er seinen Frust an Shaun aus und es kommt zu einem Streit, der letztendlich dazu führt, dass Shaun auch von Gadget in der Gruppe akzeptiert wird. Nachdem sich Shaun neue Stiefel gekauft hat, werden ihm die Haare kurz geschoren und er bekommt ein Hemd und Hosenträger geschenkt. Damit ist er in die Gruppe integriert.

Als seine Mutter ihn allerdings in den Sachen und mit den kurzen Haaren sieht, stellt sie Woody zur Rede und beschwert sich darüber, dass er sie nicht nach einer Erlaubnis gefragt hat. Allerdings verhält sich Shauns Mutter sehr aufgeschlossen und vertraut Woody auch Shauns Aufsicht an. Als die Gruppe eines Abends zusammen sitzt, wird Shaun davon überzeugt, dass er keine Angst haben und es doch mal bei Smell versuchen sollte, die er sehr schön findet. Als die beiden die Gemeinschaft verlassen haben, wird der Rest von Combo, einem Freund von Woody, überrascht, der für ihn drei Jahre im Zuchthaus abgesessen hat.

Er erzählt von seinen Erfahrungen im Gefängnis und beginnt langsam rassistisches Gedankengut zu verbreiten. Milky, der sich als dunkelhäutiger davon angegriffen fühlt, muss sich ziemlich zusammenreißen, damit die Situation nicht eskaliert, während sich der Rest der Bande in zwei Lager spaltet. Während die eine Seite Combo zuhört und sich stark amüsiert, fühlt sich die andere mehr und mehr unwohl und würde am liebsten abhauen. Shaun und Smell kommen wieder zurück und Woody stellt ihn Combo vor. Als am nächsten Tag die Situation in einer Bar ausgewertet wird und schon die ersten Differenzen auftreten, taucht Combo erneut auf und fordert Woody und seine Gruppe dazu auf, ihn am nächsten Tag bei sich zu Hause anzuhören.

Dort angekommen versucht Combo mit unterschwelliger nationalistischer und rassistischer Propaganda die Gruppe zu spalten und stellt sie vor die Wahl, entweder Woody oder ihm zu folgen. Er bleibt dabei stets freundlich und intrigant, sodass selbst Milky überlegt, ob er nicht lieber Combo folgen soll, da sich Woody am Abend, bei dem sich Combo so ausgelassen hat, nicht für ihn eingesetzt hat. Woody und seine Freundin sind die ersten, die aufstehen und gehen. Sie versuchen zwar noch Shaun zu überzeugen, der von Combos Worten gegen den Falklandkrieg überzeugt wurde (sein Vater ist im Falklandkrieg gestorben), lassen ihn aber aufgrund seiner Entscheidung letztendlich bei Combo.

Dort wird Shaun mehr und mehr darauf getrimmt, nationalistisch und ausländerfeindlich zu agieren. Ihm werden mit freundlichen Worten systematisch Sprüche und Hass antrainiert, sodass er sich immer mehr diesem hingibt. Combo verhält sich dabei wie der perfekte Ansprechpartner und gibt sich für die Probleme von Shaun offen. Shaun hingegen vertraut Combo im vollem Maße und lässt alles über sich ergehen. Dennoch macht es ihm zu schaffen, dass Woody sich nicht mit Combo einigen kann.

Nach einiger Zeit macht Combo mit seiner Bande einen Ausflug zu einer Versammlung weißer Nationalisten, die sich in einem abgelegenen Haus treffen und ihre Philosophie intensivieren und radikalisieren. Als auf der Rückfahrt einer aus der Gruppe Combos Ideologie infrage stellt, wird dieser von Combo verprügelt und mitten auf einer Landstraße ausgesetzt. Die Gruppe wird immer aggressiver, bedroht einige pakistanische Kinder, die nur ein wenig Fußball spielen und überfällt dann sogar den Kiosk, aus dem Shaun am Anfang herausgeflogen ist.

In der folgenden Zeit besuchen sie Smell bei ihrem Geburtstag. Dort treffen sie auf Woody und seine Bande, die sich allerdings bei ihrer Ankunft sofort wieder auf den Weg macht, da sie nichts mehr mit Combo zu tun haben möchte. Während Shaun seine Beziehung mit Smell offiziell macht, versucht Combo sich an die Freundin von Woody heranzumachen. Er hatte mit ihr vor seinem Gefängnisaufenthalt die beste Nacht seines Lebens und gesteht ihr daraufhin seine Liebe, sie weist ihn jedoch zurück und bezeichnet das Verhältnis als schlimmste Nacht in ihrem Leben.

Combo macht sich daraufhin auf den Weg zu Milky und versucht von ihm Gras zu kaufen. Nachdem Combo klargestellt hat, dass keiner ein Problem mit Milky in seiner Gang hat, bekiffen sie sich und reden über die Anfänge der Skin-Bewegung. Als jedoch Combo hört, wie Milky davon erzählt, dass er eine große und glückliche Familie besitzt, die ihm alles geboten haben, was er sich nur wünschen konnte, rastet Combo aus, bezeichnet ihn als "Neger" und schlägt ihn dann bis in die Bewusstlosigkeit. Unter den Schreien von Shaun und den Antipathien seiner Mitglieder wird er nur noch wilder und schmeißt alle aus seiner Wohnung. Nachdem er allerdings besinnt, dass Milky bewusstlos am Boden liegt, bereut er unter Tränen die Tat und versucht mit Hilfe vom zurückgekehrten Shaun, Milky ins Krankenhaus zu schaffen. Am Ende trennt sich Shaun von Combo und wirft symbolisch eine englische Flagge ins Meer.

Interpretation

"This is England" hat den Anspruch die Radikalisierung und Splitterung der Skinhead-Bewegung in Teilen deutlich zu machen und versucht einen Einblick in den Alltag zu geben. Dabei stehen Shaun, Woody und Combo im Vordergrund und repräsentieren entsprechende Identifikationsfiguren unterschiedlicher Ansichten. Selbst für Combo muss diese Einschätzung gelten, da seine Argumentation gegen den Krieg in gewissen Mustern sehr überzeugend sein kann. Die Einschränkung die hier besteht, findet sich allerdings in der nationalistischen, hierarschischen und beliebig ausgrenzenden Ausprägung, die rassistische und menschenverachtende Züge annimmt.

Man kann eine Gleichberechtigung aller Menschen fordern, aber nicht mit der Begründung, dass eine bestimmte Volksgruppe an Ungerechtigkeiten Schuld sei und sie bestraft werden müsse. Wenn die Möglichkeit besteht, ein besseres Leben zu führen, indem man die Chancen, die einem geboten werden, wahrnimmt, dann kann man es niemanden verübeln, wenn er diese Möglichkeit nun wirklich nutzt. Letztendlich versuchen wir schließlich alle nur das Beste aus unserem Leben zu machen und niemanden ist es geholfen, wenn man Probleme versucht, mit Gewalt zu beseitigen. In den meisten Fällen verstärkt sich dadurch nur die gegenseitige Missachtung und man verliert noch mehr die Möglichkeit auf ein sicheres und friedliches Zusammenleben.

Man kann Patriotismus und Nationalismus fordern, aber nicht, wenn man versucht nationalistische Ideen von Gemeinschaftlichkeit und Zusammenhalt mit Rassismus und Hass zu torpedieren. Man kann gerne stolz auf ein bestimmtes Land sein, wenn man sich aber bewusst macht, dass jedes Land von Menschen besiedelt wurde, die von überall auf der Welt herstammen. Gewohnheiten, Traditionen, Sprachen und die gesamte Kultur verändern sich und waren diesem Wandel schon immer unterworfen. Alles, was wir konsumieren, ist ein gemeinschaftliches Produkt unserer Welt, durch Technologie, Zusammenarbeit und Transport.

Man kann und sollte sich immer gegen einen Krieg äußern, aber niemals, wenn man auf der anderen Seite kriegsähnliche Methoden anwendet, um seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Körperliche und psychische Gewalt sind keine überzeugenden Argumente. Es sind Bedrohungen, die ein sicheres Leben gefährden und die Gleichberechtigung verspotten. Wer versucht Krieg mit Krieg zu begegnen, wird nicht gewinnen, sondern nur alles noch schlimmer machen.

Combos Überzeugungsversuche sind rhetorisch allerdings sehr ausgearbeitet, sodass sich der noch recht junge Shaun von ihnen leicht überzeugen lässt. Shaun stellt in dem Film sogleich auch den Protagonisten dar, den armen Außenseiter, der seinen Vater verloren hat und sich gegen fast jeden wehren muss. Bei den Skinheads findet er Freunde und erlebt zum ersten Mal einen gewissen Zusammenhalt, den er seit dem Tod seines Vaters in seiner Familie vermisst. Der charmante Woody übernimmt in dieser Hinsicht auch schon relativ früh die Rolle eines Vaters für Shaun. Er beschützt ihn und lässt ihn an allem teilhaben, was die Gruppe unternimmt. Er muntert ihn auf und er macht ihm Komplimente. Shaun kann sein Glück zunächst überhaupt nicht fassen.

Mit Combo tritt allerdings eine Figur in den Raum, die Shaun direkt anspricht und versucht in seine Gefühlswelt einzutauchen. Er fühlt mit Shaun, der den Verlust seines Vaters noch nicht verkraftet hat und bietet ihm Hilfe an, wenn es darum geht, seinen Frust, seine Angst oder seine Trauer freien Lauf zu lassen. Er bevorzugt auch Shaun und lobt ihn für jeden seiner Fortschritte. Shaun bemerkt nicht, dass er sich dabei immer weiter auf einen unbegründbaren Hass zubewegt. Aus seiner Sicht entwickelt sich alles gut. Er wird in seiner Gruppe akzeptiert, er geht mit Smell eine Partnerschaft ein und lebt ein glückliches, unbefreites Leben, in dem er sogar innerhalb seiner Gruppe Macht gegen andere ausüben kann.

Erst mit der Gewaltorgie gegen Milky wird ihm bewusst, in welche Richtung er sich entwickelt hat und mit welchen Menschen er sich abgegeben hat. Er sieht plötzlich die Gefahr von Gewalt und Aggression und ihm wird klar, dass er einen Fehler begangen hat und wendet sich von seiner Bande ab. Der symbolische Schluss zeigt die klare Ablehnung gegenüber der nationalistischen Ideologie mit ihren schrecklichen Folgen für das Leben einzelner Menschen.

Stil

Der Film zeigt einen starken Hang zum Realismus, zur Collage und zum Anarchismus. Es werden dabei schon am Anfang Bilder von Fernsehaufnahmen der 80er-Jahre vorgeführt, um eine Einordnung in die Zeit zu ermöglichen. Diese Bilder wirken dabei sehr beliebig gewählt und werden mit Raggae-Musik unterlegt. Sie zeigen unter anderem Ausschnitte aus dem Falklandkrieg, einige Serien der 80er und verschiedene Aufstände.

Die Umgebungen im Film sind eher kalt gehalten. Sie versprühen in manchen Momenten durch ihre Abgeschiedenheit, ihren chaotischen Minimalismus und die häufiger leicht verwackelte Kamera sogar einen post-apokalyptischen Charme. Dies wird nur noch durch seine braune Farbgebung bestätigt, die in mehreren Fällen um rot und blau ergänzt wird. Die Umgebungen versprühen zusätzlich auch immer den alltäglichen Charme einer Klein– oder Vorstadt, die den Skinheads als Spielplatz dient. Es wirkt natürlich.

Die Musik ist motivationsabhängig. Sie wechselt zwischen traurig gestimmter klassischer und freundlich und gut gelaunter Raggae-Musik hin und her. Dabei wirkt sie umso stärker, wenn sie die Dialoge vollständig überdeckt und so die Reaktionen ohne den inhaltlichen Ton-Aspekt wiedergibt. Dabei verallgemeinert die Musik, die durch die Situation aufgekommene Stimmung und vereinfacht so die Aufnahme der Ereignisse. Dieser Prozess ist in gewisser Weise natürlich manipulativ, da er uns der direkten Quelle beraubt. Er gibt unserer Vorstellungskraft aber die Chance, durch die Musik die Lücke zu füllen.

Obwohl der Film Gewalt thematisiert, wirkt diese ziemlich real und erschreckenderweise in ihrem Wahnsinn nachvollziehbar. Wenn der leicht reizbare, nationalistische Gruppenführer von einem seiner Mitglieder gefragt wird, ob er "diesen Mist denn wirklich glaubt", dann spürt man die Wut in ihm aufsteigen und die nachfolgenden Schläge wirken umso erschreckender, weil man sich in der selben Sekunde eigentlich genau dieselbe Frage wie der Typ gestellt hat, der jetzt zusammengeschlagen wird.

Der Schluss wirkt auf besondere Art und Weise. Es ist der einzige Moment, in der die vierte Wand durchbrochen wird und die subtile, realitätsnahe Darstellung, durch eine reaktionäre, symbolische ausgetauscht wird. Zunächst wirft Shaun die englische Flagge ins Wasser und zeigt damit seine Ablehnung gegenüber der Ideologie und dann schaut er direkt in die Kamera, um damit den Zuschauer direkt anzusprechen und ihn direkt zum Nachdenken anzuregen. Inwiefern dieser Stilbruch durch die Botschaft gerechtfertigt ist und wie viel er letztendlich bringt, lässt sich nur schwer einschätzen. Man kann aber erkennen, dass sich die Macher des Filmes stark von der gezeigten Ideologie distanzieren wollen.

Fazit

"This is England" ist in der deutschen Version vielleicht ein Stück weit zu eloquent, zeigt aber mit seinen Darstellungen eine mögliche Erklärung für den aufkommenden Rassismus in der Skinhead-Bewegung. Doch man sollte den Film nicht missverstehen. Shaun ist der Protagonist und der Film erzählt uns etwas über sein Leben und seine Veränderung. Mit welchen Problemen Skinheads wirklich zu tun gehabt haben, wird uns durch den Film allerdings nicht vermittelt, da Shaun innerhalb der Gemeinschaft kaum noch Spott ausgesetzt wurde und der Film sich mehr und mehr auf den nationalistischen Ansatz konzentrierte. Insgesamt ist "This is England" ein sehr ausgereifter Film, der uns für 90 Minuten einige Probleme und Entscheidungen von Skinheads näher bringt und sie alle vielleicht ein wenig zu sympathisch darstellt.