2. Juli 2010 / / 2c

Eine traurige Vorstellung

"If I could save the works of Shakespeare by sacrificing all the video games in existence, I would do it without a moment's hesitation." — Roger Ebert

Es fällt leicht, etwas zu vernichten, was man nicht kennt. Und auch wenn ich kein großer Shakespeare-Leser bin, so weiß ich dennoch seine Arbeiten zu schätzen und zu würdigen. Shakespeare ist genial gewesen, keine Frage. Doch die Genialität einer einzelnen Person kann niemals die schöpferische Kraft einer ganzen Ausdrucksform aufwiegen. Es ist dumm, überhaupt daran zu denken.

Ebert möchte keine Computerspiele spielen, weil er davon ausgeht, dass sie für ihn nicht dasselbe emotionale Erlebnis in sich tragen, das er von Büchern oder Filmen kennt. Er nutzt zunächst eine Definition aus einem Lexikon, bei der er hervorhebt, dass Kunstwerke vor allem für ihre Schönheit und emotionale Stärke angefertigt werden. Er berichtet dann allerdings davon, dass Kunstwerke für ihn vordergründig eine Sache gemeinsam haben und zwar, dass er durch sie die Erfahrungen, Gedanken und Gefühle anderer Menschen besser kennen lernen kann. Er kann diese Erfahrungen in Alltagssituationen anwenden und auf seine Umwelt beziehen, sodass er dadurch ein tiefgründigeres, volleres und lohnenderes Leben führt.

Ich verstehe nicht, wo das Problem liegt. Auch wenn man denkt, dass Computerspiele nicht die gleichen Emotionen in einem hervorrufen, wie andere Medien, so rufen sie sie dennoch hervor. Ich denke auch, dass die Definition, die Ebert anspricht, relativ offen gehalten ist und er mit seinem "vor allem" genau das Gegenteil bei mir bewirkt. Ja, Kunst wird hauptsächlich für ihre Schönheit geschaffen, jedoch nicht ausschließlich.

Was ist zum Beispiel ein Gemälde, das in unterschiedlichen Blickwinkeln anders wirkt? Ein Spiel? Wir interagieren mit unseren Augen genauso wie mit unseren Händen und indem ein Maler einen bestimmten Bereich hervorhebt, so fokussieren wir auch diesen Bereich stärker. Ist es ein Spiel, dass wir bestimmte Dinge erst durch genaueres Hinsehen entdecken? Diese Herangehensweise lässt sich auch noch weiter verallgemeinern. So könnte man davon ausgehen, dass jeder Mensch durch seine vorangegangenen Erlebnisse Kunst anders erlebt und sie dadurch immer aus einer anderen Perspektive betrachtet. Wenn man also davon ausgeht, dass ein Buch, ein Bild oder ein Film sich von einem Spiel darin unterscheiden, dass sie eine vorgegebene Wahrnehmung abliefern, während das Spiel die Wahrnehmung dem Spieler überlässt, dann ist das nach dieser Theorie nicht haltbar, da jede Wahrnehmung von der Person abhängig ist und empfunden oder nicht empfunden werden kann.

Ein weiterer kritischer Punkt in der Definition von Kunst, ist die Definition von Schönheit. Wenn man davon ausgeht, dass etwas schön ist, dass einen positiven Eindruck hinterlässt, dann werden Spiele grundsätzlich für ihre Schönheit geschaffen. Wenn man dahingehend allein visuelle Aspekte beachten möchte, dann kommt es darauf an, was für den Macher von Bedeutung gewesen ist. Wenn er vordergründig ein Werk schaffen wollte, dass schön aussieht und schön klingt, dann wäre das nach der Definition des Lexikons Kunst. Es hängt also vom Künstler ab, ob er Kunst schafft oder nicht, und nicht vom Medium.

Auch Eberts letzter Punkt ist ein Desaster. Er behauptet, dass Kunst einem die Möglichkeit bietet, die Erfahrungen, Gedanken und Gefühle anderer Menschen besser kennenzulernen, aber verschweigt, warum Computerspiele das nicht können. Auch verschweigt er, warum Erfahrungen in Computerspielen nicht in der Wirklichkeit angewendet werden können. Computerspiele sind prädestiniert dafür die Gefühlswelten anderer Menschen auszutesten und zu beobachten, wie sich Charaktere innerhalb einer künstlichen Welt verhalten. Es ist die Charakterstudie, die kein Film vermitteln kann. Außerdem bieten Actionszenen wesentlich mehr Potenzial zu verstehen, wie sich die Charaktere in bestimmten Situationen fühlen, da man selbst diese Situation erlebt. Ganz zu schweigen von den Horrorszenarien, die in Filmen nur halb so gruselig sind, wie in Computerspielen. Es ist ein viel tiefgreifenderes Erlebnis, selbst die Entscheidungen zu treffen, die einen ins Unglück stürzen. Und es macht mich so traurig, dass man dieses Medium dennoch so vollkommen unterschätzt. Ich verstehe nicht, warum er es nicht begreift. Nicht einmal ansatzweise.