19. Oktober 2010 / , , / 5c

Entfernung

Ich merke, dass sich jeden Tag meine Persönlichkeit ein kleines bisschen ändert. Manchmal stärker, manchmal schwächer. Was Entfernungen anbelangt, muss ich sagen, dass die Welt für mich immer kleiner wird und sich meine Perspektive fast jeden Tag neu ausrichtet. Früher war es unglaublich aufregend, etwas über Forst oder vielleicht sogar über das unwahrscheinlich geheimnisvolle Cottbus zu erfahren. Doch heute?

Es waren damals verwunschene Orte, Traumgebilde, Vorstellungen. Für mich war alles groß, denn ich war es nicht. Mich faszinierten Hochhäuser und Städte. Einmal da war ich mit meiner Familie in Berlin und wir sind durch das Brandenburger Tor gelaufen. Ich war schockiert. So etwas Bombastisches hatte ich noch nie zuvor gesehen. Und obwohl ich seit diesem Ereignis immer größeren Gebilden und Systemen begegnet bin, so sticht dieses Ereignis doch als etwas Besonderes heraus, da es mir zum ersten Mal verdeutlichte, dass meine selbst entwickelte Perspektive der Welt vielleicht doch einen Fehler enthalten könnte.

Vielleicht beginnt hinter Hamburg nicht gleich Amerika, vielleicht liegt Bayern nicht auf der Südhalbkugel der Erde. Vielleicht habe ich mir das alles nur eingebildet. Vielleicht. Etwas fing an sich in meiner Vorstellung zu verändern. Meine Perspektive verwandelte sich von einem heimatzentrischen in ein heliozentrisches Weltbild. Ich empfand Gefühle, die mir so noch niemals in den Sinn gekommen waren. Ich fing an nachzudenken, entwickelte mich und die Welt schrumpfte unter dieser Entwicklung zusammen. Ich begriff, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin, eine schwere Erkenntnis.

Früher dachte ich, dass wenn ich mich nur lange genug auf eine Sache konzentriere, sie von jemanden in irgendeiner Form schon umgesetzt werden würde. Ich dachte, dass nur die Dinge berühmt werden können, mit denen ich selbst in Kontakt gekommen bin. Ich war egozentrisch. Ich war ein Kind. Ich musste teilen. Nichts ging über Essen, nichts war schlimmer, als mein Bruder, der mehr Essen als ich bekommen sollte. Das ist so weit weg und doch so aktuell.

Heute reise ich von hier nach dort. Ich entdecke ständig neue Welten, verziehe mich aber dennoch am liebsten in mein Bett. Ich fahre Stunden über Autobahnen und die Zeit vergeht nicht mehr in Ewigkeiten, sondern Bruchteilen. Die Entfernung spielt kaum noch eine Rolle und ich frage mich, mit welchen Gefühlen Menschen den Weltraum erobern werden. Wird alles noch kleiner und kleiner? Werden wir Menschen darin auch immer kleiner und kleiner? Und was bedeutet dann schon noch ein einzelnes Menschenleben in einem Universum, wenn man erst einmal begriffen hat, wie riesig diese unglaubliche Leere ist? Entfernen wir uns mit unseren Abkürzungen von uns selbst?