Entfernung
Ich merke, dass sich jeden Tag meine Persönlichkeit ein kleines bisschen ändert. Manchmal stärker, manchmal schwächer. Was Entfernungen anbelangt, muss ich sagen, dass die Welt für mich immer kleiner wird und sich meine Perspektive fast jeden Tag neu ausrichtet. Früher war es unglaublich aufregend, etwas über Forst oder vielleicht sogar über das unwahrscheinlich geheimnisvolle Cottbus zu erfahren. Doch heute?
Es waren damals verwunschene Orte, Traumgebilde, Vorstellungen. Für mich war alles groß, denn ich war es nicht. Mich faszinierten Hochhäuser und Städte. Einmal da war ich mit meiner Familie in Berlin und wir sind durch das Brandenburger Tor gelaufen. Ich war schockiert. So etwas Bombastisches hatte ich noch nie zuvor gesehen. Und obwohl ich seit diesem Ereignis immer größeren Gebilden und Systemen begegnet bin, so sticht dieses Ereignis doch als etwas Besonderes heraus, da es mir zum ersten Mal verdeutlichte, dass meine selbst entwickelte Perspektive der Welt vielleicht doch einen Fehler enthalten könnte.
Vielleicht beginnt hinter Hamburg nicht gleich Amerika, vielleicht liegt Bayern nicht auf der Südhalbkugel der Erde. Vielleicht habe ich mir das alles nur eingebildet. Vielleicht. Etwas fing an sich in meiner Vorstellung zu verändern. Meine Perspektive verwandelte sich von einem heimatzentrischen in ein heliozentrisches Weltbild. Ich empfand Gefühle, die mir so noch niemals in den Sinn gekommen waren. Ich fing an nachzudenken, entwickelte mich und die Welt schrumpfte unter dieser Entwicklung zusammen. Ich begriff, dass ich nicht der Mittelpunkt der Welt bin, eine schwere Erkenntnis.
Früher dachte ich, dass wenn ich mich nur lange genug auf eine Sache konzentriere, sie von jemanden in irgendeiner Form schon umgesetzt werden würde. Ich dachte, dass nur die Dinge berühmt werden können, mit denen ich selbst in Kontakt gekommen bin. Ich war egozentrisch. Ich war ein Kind. Ich musste teilen. Nichts ging über Essen, nichts war schlimmer, als mein Bruder, der mehr Essen als ich bekommen sollte. Das ist so weit weg und doch so aktuell.
Heute reise ich von hier nach dort. Ich entdecke ständig neue Welten, verziehe mich aber dennoch am liebsten in mein Bett. Ich fahre Stunden über Autobahnen und die Zeit vergeht nicht mehr in Ewigkeiten, sondern Bruchteilen. Die Entfernung spielt kaum noch eine Rolle und ich frage mich, mit welchen Gefühlen Menschen den Weltraum erobern werden. Wird alles noch kleiner und kleiner? Werden wir Menschen darin auch immer kleiner und kleiner? Und was bedeutet dann schon noch ein einzelnes Menschenleben in einem Universum, wenn man erst einmal begriffen hat, wie riesig diese unglaubliche Leere ist? Entfernen wir uns mit unseren Abkürzungen von uns selbst?











Das nenne ich Globalisierung und Fortschritt. Diese Dinge nimmt man heutzutage in seiner Entwicklung mit auf, ob man es will, oder nicht.
Die Welt, also die Erde, ist winzig im Vergleich zu den Dingen die "draußen" lauern und passieren. Und trotzdem wird sie für mich deshalb nicht kleiner. Natürlich ist ein Menschenleben für den Lauf der Zeit so unbedeutend. Aber gerade diese Erkenntnis sagt mir, dass ich mich anstrengen muss, so viel wie möglich von der großen, weiten Welt zu sehen.
Ich fühle ich in meinem Bett und in Jamno auch immernoch am wohlsten. Die Welt zu entdecken ist sehr anstrengend und deshalb sehe ich das als Ausgleich. Ich halte ein Menschenleben an sich nicht für unbedeutend, denn es kann vieles ändern. Der Eifluss des einzelnen ist meist viel größer, als dieser vermutet. Ich finde es schadet auch nicht sich weiterhin als Mittelpunkt der Welt zu sehen, denn so hat man einen Basis, zu der man zurückkeheren kann.Naürlich darf man die äußeren Einflüsse nicht vergessen, aber man kann die Welt aus sich heraus ordnen.
Ich bin davon ausgegangen, dass je mehr Sachen man kennenlernt, die Zeit, die man sich mit bestimmten Dingen beschäftigt, kleiner ausfällt, da die größere Auswahl dazu führt, dass man eine bestimmte Sache weniger häufig benutzt. Ich habe nun in dem Beitrag einfach dieses Konzept auf Beziehungen übernommen. Sobald man eine neue Person kennenlernt, wird die Zeit, die man mit den Personen, die man kennt, verbringt, kleiner. Bestimmte Menschen, die man womöglich sehr mag, werden durch unsere Entdeckungen und neuen Erfahrungen also unbedeutender. Das ist meine Angst und darauf wollte ich hinaus. Was haltet ihr davon?
Ich verbringe gerade mit Menschen, die in meiner Nähe wohnen viel Zeit. Ok eigentlich nur mit einer Kommilitonin. Aber ich vermisse dich und martin und marco und marcel. Doch mit avid verbringe ich im vergleich mit früher mehr zeit. ;)
Vielleicht sollte ich noch einmal erklären, was ich mit unbedeutend meine. Am besten veranschaulicht man das, wenn man die Beziehung zu seinen Eltern beobachtet. Während sie in der Kindheit die einzigen Bezugspersonen sind, die man hat, werden sie in der Pubertät nach und nach in einem Teil ihrer Aufgaben von anderen Menschen abgelöst. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Eltern nicht immer noch genauso lieben, sie sind für uns einfach nur nicht mehr genauso bedeutend, wie sie es früher einmal waren. Ich will nicht sagen, dass sie dadurch generell eine geringe Bedeutung hätten, ihre Bedeutung ist allerdings durch die neuen Erfahrungen, die wir gemacht haben, gesunken.
Die Frage, die ich mir stelle, ist die, ob ich nun traurig darüber sein sollte, dass bestimmte Menschen, die früher sehr wertvoll für mich waren, es heute nicht mehr sind oder ob ich es begrüßen sollte, dass ich neue Menschen kennengelernt habe, die sich für mich einsetzen?