Zivildienst, Wehrdienst, Zwangsdienst
Ich bin gerade sehr aufgebracht, weil ich mir den Artikel von Frédéric Valin auf Spreeblick durchgelesen habe und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich noch wirklich freundliche Worte dafür finden kann. Ich fasse es gerne noch einmal so zusammen: Die Wehrpflicht gehört mit zu den ungerechtesten und schlimmsten von der Allgemeinheit akzeptierten Dingen, denen ich in diesem Land bisher begegnet bin.
Scheiß auf Zivildienst! Scheiß auf Grundwehrdienst! Ich habe absolut kein Problem damit, wenn Menschen das machen, was ihnen selbst liegt und was sie im Leben voranbringt. Der Wehrdienst ist allerdings eine Lektion für einen Fehler, den man nicht begangen hat. Man wird dabei zum Spielball von Staat und Gesellschaft und muss sich Menschen unterordnen, die man in vielen Fällen nicht leiden kann. Noch schlimmer, wenn man sich ihnen nicht unterordnet, wird man bestraft, weil man ja auf seine Vorgesetzten hören muss.
Zu Argumentieren, dass man beim Zivildienst oder beim Grundwehrdienst Erfahrungen macht, die man sein ganzes Leben nicht vergessen wird, ist so, als würde man einem Vergewaltigungsopfer erklären, dass schon alles nicht so schlimm gewesen ist, weil es ja auch positive Momente dabei gegeben hätte. Ich habe kein Bock mehr auf Menschen, die denken, es ist schön, anderen Menschen ihren Willen aufzudrängen, weil man das ja irgendwie mit der Gemeinschaft und Gesellschaft rechtfertigen kann.
Es ist dieser Übergang von der Jugend zu diesem konservativen, nachdenklichen "Vielleicht war ja doch nicht alles schlecht?"-Gehabe, der mir so sehr in diesem Artikel aufstößt. Es ist mir vollkommen egal, ob die Bundeswehr ein Staat im Staate wird oder ob jetzt ein paar soziale Stellen überlegen müssen, wie sie mit ihrem Personal auskommen. Wir sind nicht mehr am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo politische Machtkämpfe in Deutschland noch mit Putschversuchen ausgetragen wurden.
Ich bin glücklich darüber, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde, aus welchen Gründen auch immer. Jeder soll allein darüber bestimmen können, wie er sein Leben als Erwachsener gestaltet. Und es sollte nicht dazu gehören, eine Erklärung schreiben zu müssen, in der man beschreibt, warum man sich dem Dienst an der Waffe verweigert. Die Regierung sollte mir lieber einen Brief schicken, in dem sie mir erklärt, warum ich nach dem ersten und zweiten Weltkrieg nochmal eine Waffe in die Hand nehmen sollte. Und dann entscheide ich, ob ich das will oder nicht.











Ich verstehe die Abneigung gegenüber der Bundeswehr. Aber du unterschlägst die Problematik, die durch fehlende Zividienstleistende entsteht. Die sind für soviele Diakonien und so weiter existenznotwendig. Des ist die Sache die mir sorgen macht. Von mir aus ruhig die Typen an die Waffe die auch wirklich wollen. Aber kaum einer wird aus guten Willen herraus Zivi machen.
Nein, ich unterschlage die Problematik nicht. Ich spreche es konkret an und sage, dass ich es falsch finde, Menschen dazu zu zwingen, anderen Menschen zu helfen.
Sehr cooler Schlussabsatz.
Kann dir uneingeschränkt zustimmen. Ich habe mich auch schon seit Jahren gefragt, wie die Verpflichtung zum Wehrdienst in der heutigen Gesellschaft überhaupt gehalten werden konnte. Habe in Gesprächen darüber auch immer ähnliche Argumente angebracht wie du.
oh man, ich hoffe ihr habt noch Blogs, Twitter und Co. wenn ihr alte Männer seid und im Heim sitzt. Und dann schreibt ihr flammende Posts, wo ihr euch darüber aufregt, dass sich kaum einer um euch kümmern kann und warum ihr der Jugend egal seid. Und dann erzählt ihr von eurer Zeit, wie damals die Jugend noch wenigstens dazu verpflichtet war. wenigstens für 9 monate…
Ja, ich finde auch, dass jeder Mensch dazu gezwungen werden sollte, älteren Menschen Gehorsam zu leisten. Und wenn er das nicht macht, wandert er ins Gefängnis.
@ringvernichter: Auf die Idee, Pflegedienste angenehmer zu gestalten und dafür zu werben, kommst du nicht. Aber keine Angst, du bist damit nicht alleine: Unsere Politiker haben auch keine Einfälle in dieser Hinsicht. Abgesehen davon gehen bei weitem nicht alle Zivildienstleistenden ins Altenheim. Im kulturellen Bereich sind sie beispielsweise auch oft vertreten, obwohl ihre Arbeit dort auch von anderen gemacht werden könnte.
Ich finde die Aufhebung der Wehrpflicht (also nicht nur eine Aussetzung, wie wir sie jetzt bekommen) vollkommen richtig. Und die Professionalisierung der Bundeswehr auch. Da bin ich auch realistisch: Die Bundeswehr abzuschaffen… dafür ist es zu früh und ich bezweifle auch stark, dass in unserem Zeitalter je die Möglichkeit dazu bestehen wird, keine eigene Verteidigung aufzubauen und trotzdem verhältnismäßig sicher zu leben. Aber was wir auf keinen Fall brauchen, ist eine gigantische, unprofessionelle "Klumpfuß"-Armee… :)
Die Zivildienstfrage würde ich wie folgt lösen: Freiwilligen Zivildienst für alle (Jungen und Mädchen) und zwar in Zusammenarbeit mit den FsJ-Anbietern. Wer glaubt, dass sich da keine Freiwilligen melden würden, der liegt denke ich vollkommen falsch: Ich selbst mache gerade eher die Erfahrung, dass viele nach dem Abitur etwas suchen, dass ihnen Halt gibt und einen geordneten Tagesablauf ermöglicht, aber gleichzeitig wollen sie nicht gleich studieren oder eine Ausbildung beginnen. Für diese Jugendlichen wäre der freiwillige Zivildienst mit all seinen vielfältigen Chancen und Möglichkeiten genau das Richtige.
Du hast Recht, man muss sich bei der Bundeswehr unterordnen. Auch unter Leute, die man nicht leiden kann. Aber das ist nicht die Regel und passiert dir in jedem Beruf auch. Da musst du dich genauso unterordnen, wobei dir sogar teilweise die Rechte fehlen, die ich gegenueber meinem Vorgesetztem habe. Wenn du im zivilen deinem Chef wiedersprichst, weil das was er sagt, totaler Mist ist oder etwas von dir will, was gegen deine Menschenwuerde geht, schmeisst er dich einfach raus.
Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass der Umgang freundlich und professionell ist, man sich auch oft mit dem/den unmittelbaren Vorgesetzten anfreundet. Ganz ohne Zwang.
Allerdings muss ich mich Moritz anschliessen, die Bundeswehr muss professioneller und effizienter werden. Auch wird es weiter viele Freiwillige geben, denn mir (und vielen aus meinem Jahrgang) ging es nach 13 Jahren Schule ja so, dass wir erstmal genug vom Lernen hatten und etwas anderes machen wollten. Da ist der Freiwilligendienst keine schlechte Alternative, zumal er noch vergütet wird. Es fehlt halt nur der Zwang dahinter, der bisher dazu geführt hat, dass sich ALLE mit dem Thema beschäftigen und letztendlich eine Entscheidung treffen.
Ich find es widerlich jemanden zum Töten auszubilden und ihm dann noch das Geld nachzuwerfen.
Bei Zigarettenschachteln überlegt man, dass man sie grau macht, damit Jugendliche nicht davon verführt werden. Bei der Bundeswehr ist man doch froh, wenn schon 16-Jährige von MG's und Co. begeistert sind. Da werden Millionen für Werbung reingesteckt. Das find ich so abartig.
Dann bist du nich richtig informiert. Hast du mal einen Werbespot von der Bw gesehn? Sowas kostet keine Millionen mehr. Schiesswütige 16-Jährige werden schon bei der Musterung ausgesondert.
Und als letztes: jenen, die zum Töten ausgebildet werden (ich meine richtig und nicht nur 'wie-halte-ich-mein-gewehr-ohne-mich-selbst-zu-erschiessen'), bekommen das Geld nicht nachgeschmissen.
Als ob die jeden "Bundeswehr-Geilen" bei der Musterung erkennen. Und das Geld, was die für Werbung ausgeben, ist mir immernoch zu viel.
Ich habe einen Bericht gesehen (Titel-Themen-Temperamente glaub ich) und da wurde gesagt, dass die Leute in Afghanistan pro Tag 1.100€ kriegen, nur für das die da unten sind. Das heißt zusätzlich zu ihrem recht hohen Grundgehalt und Familientrennungsgeld und was weiß ich. Ich kenne einige aus der Bundeswehr die mit ihrem Gehalt prahlen. Und das halte ich für total unmoralisch.
Wozu trägst du dann in deiner Grundausbildung eine Waffe? Damit du dich nicht erschießt, wenn du in einem Gefecht sein solltest, indem Menschen erschossen werden. Du wirst mit einer Waffe ausgebildet und bekommst dafür einiges Geld und das (in welchem Ausmaß auch immer) ist eines der widerlichsten Dinge, die es für mich gibt. Solange Geld fürs Ausbilden mit Waffen und für Krieg fließt, halte ich die Bundeswehr für abartig.
Wenn du das anders siehst, dann akzeptiere ich das. Ich wollte dich auch nicht persönlich angreifen. Einige meiner engsten Freunde sind beim Bund. Muss jeder selber wissen. Aber ich verstehe es nicht.
Ich vergleich das mal (sicherlich ein wenig unpassend) mit einem Essen. Einigen scheint es zu schmecken, aber ich finde es einfach nur zum Kotzen.
Ich stehe der Entscheidung der vollkommenen Abschaffung der Wehrpflicht sehr skeptisch gegenüber.
Es gibt einen Aspekt, der mir derart wichtig an dieser Sache erscheint, dass er die vielen negativen Nebenwirkungen überdeckt.
Was verbindet mich eigentlich mit einem Menschen aus Köln, den ich das erste Mal auf der Straße treffen würde? Inwiefern ist unser beider Leben vielleicht doch irgendwie verknüpft? Was bedeutet es, dass wir beide in unseren Pässen Deutsch als Nationalität aufführen können? .…..
Es bedeutet nicht mehr viel verbindendes. Wir haben nicht die selbe Religion, sprechen anders, haben vielleicht andere Vorstellungen von Werten, Politik, Kunst, Musik und vielen anderen Dingen. Warum haben wir dann aber diese eine Sache gemeinsam?
Ganz einfach, dieser Passus erinnert uns doch daran, dass wir in einer Gemeinschaft leben, die ihre schwächsten Mitglieder unterstützt. Das ist einer der besten Werte unserer deutschen Gesellschaft. Aber darf diese Unterstützung nur durch irgendwelche völlig anonymen Beiträge zu irgendwelchen Versicherungen erfolgen, oder müssen wir doch eine personalisierte Möglichkeit schaffen sich zu unterstützen?
Und hier kommt die Wehrpflicht ins Spiel. Abgesehen von dem Ziel der Ausbildung bei der BW, der Kreigsvorbereitung, verschafft der Bund die Möglichkeit sich mit den unterschiedlichsten Leute in eine Situation zu begeben, in der man aufeinander angewiesen ist. Viele Menschen merken erst hier, wie wichtig Gemeinschaft ist. Individualismus ist ein sehr hohes Gut in unserer Gesellschaft, aber ohne den notwendigen Anteil an einem Leben des Miteinander ist es nichts weiter als die höchste Stufe des Kapitalismus.
Diese Chance für junge Menschen, das Erkennen wie wichtig Gemeinschaft ist und die Möglichkeit eines gemeinsamen Nenners für alle Mitbürger zu finden, wurde hiermit verworfen.
Dies ist nur ein weiterer Schritt in den immer mehr um sich greifenden Egoismus in unserer Gesellschaft.
Wie kommen wir jetzt aber um das abscheuliche Ziel der Kriegsvorbereitung herum und wie schaffen wir eine Gleichberechtigung aller jungen Menschen?
Ganz einfach in nur 2 Schritten:
1.) Umwandlung der Wehrpflicht in eine Pflicht zum Dienst an der Gesellschaft. (Zivildienst verpflichtend)
2.) Heranziehung aller jungen Menschen, ohne besondere Berücksichtigung von Geschlecht, Religion oder anderen Gesichtspunkten
Damit würden wir eine Lösung schaffen, die die Sozialisierungskomponente dieses Dienstes erhält und gleichzeitig die Ungerechtigkeit der derzeitigen Regelung und die Zielsetzung der Kriegsvorbereitung verändert.
"Diese Chance für junge Menschen, das Erkennen wie wichtig Gemeinschaft ist und die Möglichkeit eines gemeinsamen Nenners für alle Mitbürger zu finden, wurde hiermit verworfen."
-> Das Gemeinschaftsgefühl, das man beim Wehrdienst aufnimmt, ist wirklich wichtig. Diese Erkenntnis muss man jetzt an anderer Stelle vermittel, denn es ist wichitg.
Du, Björn, hast recht: das der Zivildienst damit auch abgeschaft wird, ist tragisch und der Gemeinscahftssinn geht verloren. Aber das sind Dinge, die man auch anders lösen kann, dafür brauche ich nicht die Bundeswehr.
Das finde ich aber typisch in unserem Land, das es anscheinend immer nur eine Lösung für ein Problem gibt und das man immer Kompromisse machen muss. Zivi geht auch ohne Bund.
Björns Idee ist ein besserer Kompromiss und auch wenn ich verstehen kann, dass ein solcher sicherlich auch einige Vorteile bereithalten würde, so bin ich dennoch der Auffassung, dass ein verpflichtender Zivildienst der falsche Ansatz ist.
Ich halte es für sehr fragwürdig, Menschen in ihrem Leben einzuschränken, um sie dazu zu zwingen, anderen zu helfen, da dadurch die Unterstützung einen negativen Beigeschmack bekommt, der genau das Gegenteil von dem bewirkt, was man eigentlich erreichen wollte.
Für mich ist die anscheinende Entfremdung der Deutschen von sich selbst auch kein wirklich größeres Problem, weshalb ich auch keine unmittelbare Notwendigkeit an einer stärkeren gesellschaftlichen Bindung sehe. Es ist sehr schwierig, die Aufgabe des Staates hierbei klar zu definieren, da diese Bindung sehr wohl auch zu einem besseren Zusammenleben führen kann. Dennoch bin ich der Auffassung, dass der Staat nur als eine Institution betrachtet werden sollte, die die Grundlagen liefert und nicht grundsätzlich den Anspruch erhebt, die komplette Ethik eines Menschen bestimmen zu wollen.
Aus diesem Grund bin ich derzeit eher für eine freiwillige Lösung, da ich das möglicherweise durch einen Berufszwang geschädigte Individuum über dem gesellschaftlichen Willen einer sozialen Leistung begreife.
Mein Ansatzpunkt für die Lösung der sozialen Entfremdung beginnt in einer stärkeren Ausrichtung auf praktische schulische Projekte. Anstatt beispielsweise einen Abiturienten, dessen moralische Werte bereits fast vollständig ausgeprägt sind, dazu zu zwingen, sich oberflächlich mit einem angeblichen zivilen Dienst, aber eher einer Behandlung als Arbeitssklave zu beschäftigen, bin ich dafür, dass man Hausaufgaben verteilt, die einen näher an die Gesellschaft heranbringen. Suche nach sozialen Diensten in deiner Umgebung und führe ein Interview mit den Beschäftigten! Lass dir erklären, was einzelne Tätigkeitsfelder für Aufgaben besitzen und stelle sie der Klasse vor! Versuche innerhalb einer Projektwoche dich in einem sozialen Dienst zu engagieren!
"…und nicht nur 'wie-halte-ich-mein-gewehr-ohne-mich-selbst-zu-erschiessen'…"
nicht einmal das scheint noch zu klappen.
Geöffnete Post, "Meuterei"… wäre doch ein gutes Thema für eine Talkshow in Kundus. Oder warum nicht gleich an der innerkoreanischen Grenze???
Kann ich nur den Kopf drüber schütteln.