28. Dezember 2010 / / 1c

Schnee

Wenn man in den frühen Morgenstunden bei Eiseskälte sein Auto vom Schnee befreit, damit man über zugefrorene Straßen und durch eingeschneite Ortschaften fahren darf, um Zuhause zu bemerken, dass man doch am besten gleich noch den gesamten Hof von diesem kalten Regenbelag befreien sollte, dann fühlt man sich, also was den Schnee betrifft, doch schon ziemlich verarscht. Ich weiß nicht, natürlich hat es schon etwas, wenn man um fünf Uhr morgens bereits etwas scheinbar Wichtiges geleistet hat, aber dadurch wird das ganze Schneeproblem nur bedingt erträglicher.

Ach ja Schnee, du nichtsüßer Zucker, du nichtsalziges Salz, du Baumaterial für Jung und Alt. Du wirst mir mit der Zeit nun etwas unsympathisch, du versperrst Einfahrten und du machst einen Waldspaziergang viel komplexer, als er eigentlich sein sollte. Warum? Warum bist du so zu uns? Haben wir dir etwas getan, was dich so verstimmt hat? Natürlich türmen wir dich immer zu hohen Bergen deiner selbst auf. Natürlich stecken wir dir Gemüse ins Gesicht. Natürlich pinkeln wir dich an. Tut uns leid, wir wissen nur nicht, wie wir sonst mit dir umgehen sollen. Ja, wir rutschen auch auf deinem Rücken Hügel herunter, wir sind gewalttätig, nutzen dich als Waffe, um unsere eigenen Interessen durchzusetzen. Ja, wir sind alle Schneerassisten. Doch, was soll man dagegen tun? Du schneist hier von Jahr zu Jahr herein und machst dich breit. Und es wird Jahr um Jahr schlimmer. Du machst hier doch alles kaputt, kaputt.

Ja, irgendwie kommen wir so nicht weiter. Vielleicht bringt es etwas, wenn wir uns keine Beleidigungen mehr an den Kopf werfen und gemeinsam eine Lösung finden, wie wir dich umfangreich in unsere Gesellschaft integrieren können. Leider schmilzt du immer gleich davon, wenn es bei uns mal herzlicher zugeht. Davon willst du anscheinend auch nichts wissen. Willst du? Aber wie soll das funktionieren? Du verstehst doch kein Wort, wenn wir von Wärme sprechen. Du sprichst nur von Kälte. So funktioniert das nicht. Du kommst zu uns und du musst dich anpassen. Wir leben hier quasi schon immer und wenn wir nur die Wärme vertragen, dann musst du auch anfangen, die Wärme zu vertragen, sonst können wir für nichts garantieren.

Was? Wir sollen die Tiefkühltruhen befreien, wenn wir doch die ganze Zeit von Wärme sprechen. Nein, so haben wir nicht gewettet. Ohne die Tiefkühltruhen sind wir indisponiert. Dann können wir für nichts mehr garantieren. Wir würden alle dadurch verlieren und die Wirtschaft des Hauses wäre grundlegend gestört. Das ist dir doch hoffentlich klar. Wenn wir uns ändern, dann ändert sich alles. Dann gibt es weder ein Warm noch ein Kalt und wir gehen beide zugrunde. Jedenfalls in der Theorie. Es bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als meine Lösung zu akzeptieren, denn wenn du dich nicht anpasst, dann werden wir schon Wege finden, damit du dich anpasst. Du wirst dich anpassen. Verstehst du? Wir sind doch keine schlechten Menschen. Wir haben doch auch Gefühle. Warme Gefühle. Gut, dann verbleiben wir so. Du wirst warm und wir werden nicht kalt. Du verschwindest, wir bleiben hier. Damit wäre doch alles geklärt.