25. Januar 2011 / , / 5c

Selbstvertrauen

Ich bin ein sehr angsterfüllter Mensch. Ich habe Angst vor Spinnen, vor dem Verlust und auch vor peinlichen Situationen. Früher hatte ich noch viel mehr Angst. Ich hatte Angst vor anderen Menschen, vor dem Weihnachtsmann, vor meinem Bruder, vor dem Tod oder sogar vor etwas völlig Banalem wie der Schule. Dabei hatte ich gar keinen wirklichen Schulstress. Ich mochte das Lernen in der Grundschule und die meisten Arbeiten liefen für mich sehr ruhig ab. Ich mochte auch meine Klasse. Die Lehrer waren okay. Es war etwas anderes, was mich unruhig machte.

Ich glaube, ich hatte Angst vor dem Versagen, eine Angst, die mich zwar immer noch bis heute begleitet, die ich aber mit genügend Disziplin zu unterdrücken gelernt habe. Die Grundschulzeit war für mich aus diesem Grund sehr unangenehm. Ich war auch nicht besonders selbstbewusst, als ich zum ersten Mal ans Gymnasium kam. Alles war neu, ich verließ den Großteil meiner ehemaligen Klasse und ging nur mit Patrick zusammen in eine neue bilinguale Geografieklasse. Ich war schüchtern, beschäftigte mich mit philosophischen Fragen, ohne dass mich Philosophen (bis auf wenige Ausnahmen) jemals interessiert hätten und ich übernahm Verantwortung in einem Clan für ein Online-Actionspiel. Ich war ein Nerd, ein Außenseiter, jemand den man merkwürdig anschaut, weil man ihn nicht einschätzen kann und bei dem man sich möglicherweise unwohl fühlt, wenn er in der Nähe ist. Mich interessierte das weniger. Ich war nicht mehr so gut wie früher in der Schule, aber ich lernte viele Dinge, die mich bis heute prägen.

Ich lernte zum Beispiel mit meiner Isoliertheit umzugehen, ich habe sehr häufig über den Tod und die Sinnlosigkeit des Lebens nachgedacht, ich habe angefangen, Industrien und unsere Gesellschaftsform zu hinterfragen und ich träumte von einer kulturellen Befreiung durch das Internet. Ich war 14, unsportlich, trug schwarze Sachen, konnte kein Französisch und spielte Jedi Knight II. Na gut, Französisch kann ich heute immer noch nicht, aber ich finde es heute wenigstens cool. Ich lernte auch, dass man sich selbst einen Sinn im Leben suchen muss, damit man glücklich werden kann. Ich wollte anderen helfen. Ich entschloss mich dazu Atheist zu werden, Pazifist, Anarchist. Anarchismus in seiner ursprünglichen Form der Erhaltung der Individualität des Menschen unter dem Ideal der völligen Freiheit ist für mich bis heute eine der schönsten Utopien. Ich fing an zu schreiben. Ich war von der Sprache begeistert. Ich liebte Zahlen, Mathematik, die Funktionsweise der Welt. Die Logik komplizierter Gleichungen strahlt für mich eine fast unerreichbare Schönheit in Form und Struktur aus.

Bis zur elften Klasse war ich ein extrem unsozialer Mensch, da niemand auch nur in Ansätzen die Geduld hatte, sich mit den Thesen zu beschäftigen, die ich postulierte. Ich selbst hatte nicht einmal die Geduld dazu. Ich war ein Sprachliebhaber des Deutschen, der sogar noch bis heute das Deutsche nicht richtig versteht. Dennoch gab ich es nicht auf, meine Ideale zu verteidigen und ich entwickelte etwas, was man vielleicht mit sehr viel gutem Willen als Selbstvertrauen bezeichnen könnte. Ich weiß nicht genau, was diese Entwicklung auslöste. Es war vielleicht die Auflösung des Clans und der damit einhergehende Zusammenbruch einer wichtigen Stütze in meinem Leben, der mich dazu zwang mich auf neue Menschen einzulassen. Dieses Selbstvertrauen half mir jedoch dabei, ähnlich denkende Menschen zu finden und es half mir dabei, meine ersten kreativen Ideen umzusetzen. Heute bin ich auch vor allem Künstler, weil ich meine Angst vor dem Versagen überwunden habe, denn als Künstler versagt man solange, bis man letztendlich erfolgreich ist. Jeder Schuss in den Ofen kratzt am Ego. Aus diesem Grund haben diejenigen, die sich ihren härtesten Kritikern dennoch immer wieder stellen, meinen größten Respekt. Ihr seid wundervoll.