1. Februar 2011 / , / 4c

Wildnis

Kennt ihr das? Draußen gefriert der Boden, ihr liegt im Bett und das letzte, woran ihr denkt, befindet sich außerhalb eurer Haustür? Ja? Nun, so in etwa könnte man die meisten Ferien zusammenfassen, die ich bisher miterlebt habe. Man schläft und isst und der Rest des Tages muss halt auch irgendwie überbrückt werden. Soweit so gut. Ich fotografiere übrigens seit kurzer Zeit auch wieder. Das ist eine wirkliche Errungenschaft, wenn man bedenkt, dass ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gewandert bin und mir dementsprechend die passenden Motive gefehlt haben. Gestern war es dann aber soweit. Ich stand auf, ließ mein Zimmer in seinem Chaos, nahm mir meine Kamera und verschwand hinaus in die Kälte.

"Wildnis II" zeigt 40 ausgewählte Bilder dieser Fototour.

Ich laufe Richtung Wald über die blaue Brücke und mir wird bewusst, dass es doch ziemlich kalt ist. Ich bewege mich nicht sehr schnell, nehme mir Zeit, um die Fotos zu schießen. Die Sonne scheint auf mich herab und die Spitzen der Bäume besitzen noch einen weißen Schneeschimmer. Eine halbe Stunde vergeht wie im Flug. Ich habe noch nicht einmal den Waldrand erreicht. Ich höre Hundegebell. Die riesige Eiche steht wie ein Wächter des Waldes dort auf dem Weg in Richtung Mattendorf. Sie beschützt ihn. Ich schlendere unter ihren großen Ästen hinweg in die Schatten der Bäume. Mich interessieren vor allem die Baumkronen. Es zieht mich aber mehr und mehr zum alten Abstellplatz.

Dort, ich höre ein Geräusch. Neben dem Vogelgezwitscher und dem kühlen Wind, der mir häufiger durch das Gesicht weht, ist auch noch etwas Maschinenbetriebenes unterwegs. Ich sehe ihn, durch die Büsche hindurch, ein Radlader arbeitet und verrückt etwas Sand. Ich meide die Konfrontation und gehe außen herum. Ich höre, wie sich Menschen unterhalten, doch ich verstecke mich. Ich laufe an aufgetürmten und zum Teil zerstörten Steinplatten entlang. Vor mir sehe ich einige Reh-Spuren im Schnee. Ich lasse sie hinter mir und gehe tiefer in den Wald.

Ich laufe an umgekippten Hochständen und vom Wind umgeknickten Bäumen vorbei. Ein Radfahrer streift mein Blickfeld. Was? Nein, das ist ein Reh. Es läuft von einer Seite der Schlucht zur anderen und bevor ich meine Kamera überhaupt umgestellt habe, ist es verschwunden. Das war heute also meine erste Begegnung mit einem Waldbewohner und mir bleibt nur die Ehrfurcht vor diesem Tier. Das zweite Mal treffe ich auf eine Gruppe. Ich werde allerdings erst auf sie aufmerksam, nachdem sie sich bereits davon machen. Wieder nichts.

Ich laufe derweil über ein Feld und bemerke in der Ferne weitere Rehe, wie sie gemütlich grasen. Ich mache Fotos, taste mich langsam vor, ein Kopf erhebt sich, schaut in meine Richtung, ich warte bis er sich wieder senkt, bewege mich weiter vorwärts, dann galoppieren sie. Ich lege mich auf das Feld, schaue in die Sonne, mache ein Foto vom Feldboden und schaue gelangweilt in Richtung Bahndamm. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich Wildschweine in freier Wildbahn. Sie laufen auf dem Damm davon. Ich pirsche mich an sie heran, habe aber nicht die Hoffnung, sie noch einzuholen. Doch dann passiert es. Eine größere Gruppe spurtet davon und ich bin wie versteinert. Ich habe noch nie so ein großes Schwein gesehen. Wieder keine Fotos, aber die Erinnerung bleibt.

Ich laufe wieder zurück zur Zivilisation. Ich schleiche mehr oder weniger auf dem Bahndamm entlang. Ich drehe mich kurz um und sehe, wie zwei Wildschweine langsam auf mich zu laufen. Ich zücke meine Kamera, ich weiß nicht, wie ich reagieren soll. Ich schieße zwei Fotos, danach fange ich an zu brüllen. Die Tiere scheinen ihren Fehler bemerkt zu haben, schrecken auf und verziehen sich. Ich beruhige mich. Sie waren relativ klein. Ich bin wieder auf einem befestigten Weg, besuche noch einmal das Rehgehege und laufe dann über eine Wiese nach Hause. Der Tag war anders, fast ein Erfolg.