7. November 2011 / , / 3c

Geschichte

Ich habe heute ein Sachbuch über die europäische Geschichte gelesen. Also über alles, was Schulbücher so als wichtig erachten. Zunächst habe ich das alles relativ nüchtern betrachtet, habe Spaß gehabt, habe mir angeschaut, wie Weltreiche zusammenbrachen und wie neue entstanden, wie sich die Kirche teilte und was die Menschen eben so in ihrem Alltag bewegte. Doch dann überkam es mich. Ich weiß nicht, woran es genau lag. Ich kann es mir nicht erklären. Nein. Ich saß da, mitten im Unterricht, las ein Sachbuch über Geschichte; und Tränen liefen meine Wangen hinunter.

Es fing bei den Revolutionären aus Amerika, Frankreich und Deutschland an und zog sich bis in die heutige Zeit. Ich las die Texte mit einer mir beunruhigenden Anteilnahme und weinte über das Leid, die Schmerzen und vor allem aber über die Greifbarkeit dieser Taten. Das ist alles nicht einmal ansatzweise so weit weg, wie wir es in unserem Alltag wahrnehmen. Die Veränderungen der Welt in den vergangenen 200 Jahren sind für mich unfassbar. Neben der Bevölkerungsexplosion, dem Frieden der Großmächte in Europa und den sozialen und technischen Neuerungen, bleibt mir vor allem aber auch der Mauerfall im Gedächtnis.

Wenn ich die Menschen auf dieser Mauer sehe, wie sie sich nach so langer Zeit in den Armen liegen, dann ist das für mich einfach kein Ereignis wie jedes andere auch. Wie sie dort oben stehen, wo vorher bewaffnete Wachen standen, bereit zu töten. Ich kann diese Gefühle nicht einmal im Ansatz nachvollziehen, und trotzdem sitze ich hier, wische mir durchs Gesicht, schnaufe; und dieses wohlig leere Gefühl in der Magengegend. Ich glaube, vielen Jugendlichen ist nicht bewusst, was hier geschehen ist: Nicht nur dass ein Atomkrieg abgewendet wurde und dass sich die beiden größten Konkurrenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts versöhnt haben, nein, der Mauerfall ist gleichzeitig auch ein Denkmal der Gewaltlosigkeit, des friedlichen Protests und der absoluten Menschlichkeit. Vielleicht das größte überhaupt. Und das ist gerade einmal 22 Jahre her.

Ich weiß, dass ich dafür zwei Tage zu früh dran bin. Es ist mir egal. Ich habe heute über die vergangenen zwei Jahrhunderte nachgedacht. Ich habe über die Märzrevolution geweint, ich konnte mich beim Abschnitt über den Holocaust nicht zusammenreißen und dann immer wieder dieselbe Geschichte über den 9. November. Das kann Fiktion nicht. Sie hat bereits verloren. Keine Chance. Und dann das: Es steht alles in diesen verstaubten Geschichtsbüchern. In diesen beschissenen Geschichtsbüchern, die wir seit der Grundschule mit auf den Weg bekommen haben. Es verändert sich nichts, es bleibt dort enthalten, es ist nur so selten im Kopf der Menschen. Es ist unfassbar.

Ich würde euch gern dazu animieren, am 9. November einfach einmal ein Geschichtsbuch zur Hand zu nehmen. Und ja ich weiß, es gibt wichtigere Dinge in eurem Leben. Es gibt spannendere Beschäftigungen. Ja, die Arbeit erdrückt euch. Trotzdem, fünf Minuten. Bitte. Schmeißt es von mir aus danach in die Ecke und schaut es böse an! Macht was ihr wollt damit! Nur lasst euch diese Ereignisse nicht entgehen! Wenn ihr die Geschichte versteht, dann versteht ihr, was euch zu dem Menschen gemacht hat, der ihr heute seid.