Sexismus

Created: 2020-10-04 Updated: 2021-06-21 History Videos

Auf dieser Seite sammle ich meine Überlegungen zu geschlechterbasierten Fragestellungen. Ich überlege, wie sie gelöst werden können und welche Auswirkungen sie auf unser Zusammenleben haben. Sexismus beschreibt dabei ein Problem, bei dem eine Person aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuordnungen herabgesetzt oder benachteiligt wird.

Gliederung

  1. Konzepte
  2. Unterschiede
    1. Datenerhebungen
  3. Überzeugungen
    1. Zusammenarbeit
    2. Machtverteilung
    3. Rhetorik
    4. Gendergerechte Sprache
    5. Pronomen

Konzepte

Unterschiede

In diesem Abschnitt gehe ich auf messbare Unterschiede aufgrund der sexuellen Zuordnung ein, die als Basis für Diskussionen und Problembeschreibungen dienen können.

Unzureichende Datenerhebungen

2006 wurde eine Gruppe bei den Vereinten Nationen gegründet, um Daten über das Leben von Frauen zu erheben, da diese bisher nur unzureichend zur Verfügung standen. Dies hat dazu geführt, dass das Thema wesentlich stärker untersucht wurde, was 2019 zur Auflistung solcher Missstände im Buch "Unsichtbare Frauen" von Criado Perez führt. Das Buch bietet dabei vor allem eine weibliche Perspektive auf die fehlenden Datenerhebungen. Grundsätzlich sollte aber bedacht werden, dass jede Datenerhebung Schwächen besitzt, da sie immer zu einer Norm führt, die konkreten Personen möglicherweise nur unzureichend gerecht werden kann.

Überzeugungen

Mein Ziel besteht darin, dass Individuen in der Gesellschaft keinen Druck verspüren, sich aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuordnungen auf eine bestimmte Weise verhalten zu müssen. Dies beinhaltet in besonderem Maße, dass Individuen aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuordnungen nicht diskriminiert werden.

Zusammenarbeit

Ich bin davon überzeugt, dass eine solche Gesellschaft nur erreicht werden kann, wenn Sexismus von Minderheiten und Frauen nicht als identitätsstiftendes Signal (rallying flag), sondern als Problembeschreibung genutzt wird, die alle miteinbezieht und an der alle ohne Schuldzuweisungen gemeinsam arbeiten können. Wenn dies nicht geschieht, dann wird ein einseitiger Sexismus durch einen anderen einseitigen Sexismus ausgetauscht.

Damit zusammenhängend sollte das Wort Patriarchat durch das konkrete Problem ersetzt werden, das gelöst werden soll. Feminismus wird in manchen Fällen so verstanden, dass alle Frauen* gegen ein Patriarchat kämpfen. Dabei soll jeder diese Sichtweise zwangsläufig übernehmen, ansonsten wird er als Mittäterin identifizert. Ich halte diese Perspektive für gefährlich, weil sie sich gegen ein abstraktes Wort stellt, das eigentlich bei jeder Verwendung näher bestimmt werden müsste, auch wenn es als emotionaler Kampfbegriff vielleicht einen Platz besitzt. Darüber hinaus ist es schwierig, zu klären, ob ein Problem aus einem historischen Patriarchat heraus entstanden ist oder ob es sich um eine menschliche Eigenschaft handelt.

In diesem Zusammenhang schlage ich vor, sich mit den eigenen toxischen Seiten und Privilegien auseinanderzusetzen. Ich schlage vor, sich mit Transmännern zu beschäftigen, die zum ersten Mal Erfahrungen mit Testosteron machen, um ein Verständnis für eine männliche Perspektive zu erlangen. Und ich schlage vor, Menschen und ihre Erfahrungen in Bezug auf diese Themen ernstzunehmen, unabhängig davon, ob es sich um eine Frau, einen Mann oder eine nicht binäre Person handelt. Wir können alle dazulernen.

Machtverteilung

Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch Macht über seine soziale Umgebung besitzt, indem er die Handlungen anderer Menschen teilweise allein durch seine Anwesenheit beeinflussen kann. In Bezug auf Sexismus stellen sich für mich allerdings die Fragen, wie man diese Macht misst (um klären zu können, ob und was für Ungerechtigkeiten es gibt), wie stark diese Macht bei verschiedenen Geschlechtern ausgeprägt ist und daran anschließend wie man Gerechtigkeit herstellen möchte und ob das möglich ist.

Ich tendiere dazu, davon auszugehen, dass eine Gerechtigkeit unmöglich ist, weil die genaue Berechnung, wie viel Macht jemand besitzt, nicht in allen Facetten geklärt werden kann. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass einzelne Bereiche (wie zum Beispiel Geld oder politischer Einfluss) untersucht werden und eine Richtung vorgegeben werden kann, um grundsätzliche Verbesserungen an der derzeitigen Situation vorzunehmen.

Machtmessung

Machtausprägung

Gerechtigkeit und Zielstellung

Rhetorik

Ich möchte auf Formulierungen hinweisen, die ich für unglücklich erachte, obwohl sie teilweise wichtige Probleme ansprechen.

Lücken / Gaps

Das Bild der Lücke verweist darauf, dass eine Ungerechtigkeit zwischen zwei zu vergleichenden Gruppen besteht und dass diese durch eine Auffüllung beseitigt werden kann. Häufig wird in dieser Hinsicht darauf hingewiesen, dass eine Lücke zwischen Männern und Frauen besteht.

Mein wesentliches Problem mit diesem Konzept ist der Gedanke, dass eine Lücke einfach nur aufgefüllt werden müsste, damit eine mögliche gesellschaftliche Ungerechtigkeit verschwindet. Das ist aber nicht unbedingt der Fall, da ein Unterschied auch berechtigte Gründe besitzen könnte und es sich nur um eine scheinbare Ungerechtigkeit handeln könnte.

Unsichtbare Frauen

Die Unsichtbarkeit der Frau soll als Übertreibung darauf hinweisen, dass Frauen bei Entscheidungsfindungen nicht bedacht werden (da sie ja anscheinend nicht wahrgenommen werden beziehungsweise nicht sichtbar sind) und es dadurch zu Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen Teilnahme kommt, da die Welt nicht für Frauen optimiert ist.

Die Metapher der Unsichtbarkeit des weiblichen Geschlechts ist schädlich, weil sie impliziert, dass nur Frauen darunter leiden, dass Datenerhebungen zu einseitig ausfallen und dadurch fragwürdige Normen entstehen können, nach denen Menschen Entscheidungen treffen. Allerdings führen jegliche Abweichungen von einer Norm zu Problemen für betroffene Personen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Personen männlich, weiblich oder divers sind. Indem bei diesem Problem vor allem jedoch die weibliche Seite betont wird, werden andere Untersuchungsbereiche und die damit verbundenen Menschen verdeckt.

Gendergerechte Sprache

Das Konzept einer gendergerechten Sprache bespricht die Vorstellung, dass die aktuell verwendeten Sprachen Frauen diskriminieren, weil sie sich in einer Zeit entwickelt haben, in der Frauen nicht gleichberechtigt waren und die Sprachen deshalb dazu tendieren, Frauen unsichtbar zu machen. Dies wird am häufigsten durch den generischen Maskulinum verdeutlicht, bei dem die männliche Form als Allgemeinform für Frauen mitgilt, was zu einer Verdeckung möglicher Anerkennung führt.

Der Arzt hat die Verletzten behandelt. Sie ist nicht nur ein guter Allgemeinmediziner, sondern auch ein guter Chirurg.

Mit diesem Beispiel soll deutlich gemacht werden, dass ohne den Anschlusssatz die Vorstellung vordergründig davon geprägt ist, dass es sich um einen männlichen Mediziner handelt.

Diese Unsichtbarkeit von Frauen hat negative Konsequenzen, welche vordergründig in einer fehlenden Anerkennung deutlich werden, die wiederum zu einem geringeren Selbstbewusstsein führen kann. Häufig wird argumentiert, dass es sich hierbei um eine Ungerechtigkeit handelt, die durch eine männlich geprägte Gesellschaft entstanden ist.

Um diesen Zustand zu verbessern, werden alternative Benennungsvarianten angeboten. In diesen werden zum Beispiel die weibliche Form mitgenannt (Lehrer*in) oder geschlechtliche Varianten durch ungeschlechtliche Partizipien (Lehrende statt Lehrer) ersetzt. Das Problem besteht in den meisten Fällen darin, dass diese Varianten sich entweder nicht gut in den Sprachgebrauch einfügen (Flexionen mit mehreren geschlechtlichen Varianten sind schwierig) oder nur begrenzte Anwendbarkeit besitzen (Arzt -> Heilende?).

Andere Argumente hinterfragen grundsätzlich den Nutzen einer Sprachvorschrift, deren Wirkung möglicherweise nur symbolischen Wert besitzt. Es wird argumentiert, dass die angebotenen Lösungen den Sexismus teilweise sogar steigern könnten, weil sie die Benutzerinnen der Sprache dazu zwingen, sich überhaupt mit der Geschlechtlichkeit der Sprache auseinanderzusetzen und damit die vorgeschlagenen Formen möglicherweise negativ zu assoziieren.

Bisher konnten mich keine Argumente davon überzeugen, dass die wahrgenommene Ungerechtigkeit der verwendeten Sprache ein sinnvolles Projekt ist, um den gesellschaftlichen Druck auf Individuen zu minimieren. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein, wenn es darum geht, eine ineffiziente, vordergründig weiblich geprägte Form zur Pflicht zu machen. Darüber hinaus ist die Diskussion generell sehr frauenzentriert, was nicht-binäre Minderheiten ausschließt, die sich nicht mit den weiblichen Formen identifizieren.

Meiner Ansicht nach bestand der Fehler überhaupt darin, dass sich eine weibliche Variante über Ergänzungen durchsetzen konnte. Ich plädiere deshalb dafür, grundsätzlich weibliche Formen zu eliminieren, um einen einheitlichen Genus für Personen zu schaffen. Das hat damit zu tun, dass die weiblichen Varianten häufig länger sind und die vollständige männliche Form in sich aufnehmen (Läufer -> Läuferin). Ein solcher Schritt würde ebenfalls dazu führen, dass es keine Notwendigkeit mehr für weibliche Formen gäbe, da das effizienteste Wort damit für alle gilt. Wenn es dann darum geht, männliche, weibliche oder nicht-binäre Formen zu markieren, besteht die Möglichkeit, dies über Adjektive auszuformulieren (männlicher, weiblicher, diverser Arzt). In den meisten Fällen sind diese Formen allerdings überflüssig.

Ich denke, dass diese Lösung häufig unintuitiv erscheint, weil sie sich scheinbar gegen eine Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache wendet. Ich kann diese Kritik akzeptieren, halte sie aber für unüberlegt, da die Sprache durch diese Lösung grundsätzlich weniger geschlechtlich aufgeladen wäre, was ich als wichtigeres Ziel ansehe.

Da diese Variante bisher wenig diskutiert wird und ich trotzdem deutlich machen möchte, dass mir die Diskussionen und Probleme bewusst sind, nutze ich in meinem Alltag häufig eine Variante, die eine pluralistische Verwendung der Genera in den Vordergrund setzt. Dabei verwende ich geschlechtliche Varianten grundsätzlich generisch, ohne sie besonders zu markieren und wechsle sie während eines Textes ab.

Die Lehrerin muss vor der Klasse stehen, und sie sollte immer gut vorbereitet sein. Der Lehrer kann dann darauf setzen, dass seine Planung die Schülerinnen erreicht.
Eine Philosophin nutzt die Begriffsanalyse, um ein besseres Verständnis über ein bestimmtes Konzept zu erhalten.

Diese Formen führen dazu, dass der Genus seine Anzeigebedeutung für den Sexus einbüßt, aber trotzdem eine Identifikation erfolgen kann, wenn Individuen dies für wichtig erachten.

Pronomen

Mögliche Argumente, die für eine generelle öffentliche Angabe von Pronomen sprechen.

  1. Die Angabe von Pronomen hilft dabei, dass sich Transmenschen wohler fühlen, weil sie sich in einem mehr oder weniger erzwungenen Verhalten nicht allein fühlen müssen (Transmenschen geben Pronomen an, damit sie leichter in ihrem Geschlecht erkannt werden können und die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass sie von anderen falsch angesprochen werden, was eine Anstrengung darstellt, weil es ein Auslöser für schlechte Gefühle sein kann, da dadurch ihre Identität regelmäßig hinterfragt wird).
  2. Die Angabe von Pronomen hilft dabei, eine bessere Gesellschaft zu ermöglichen, in der Transmenschen grundsätzlich akzeptierter sind (Stigmatisierungen werden verhindert), weil das Geschlecht möglicherweise überhaupt zum ersten Mal als vielschichtiges Reflexionsthema entdeckt wird.
  3. Darüber hinaus gibt es keinen Weg, nach einem bestimmten Geschlecht auszusehen, was dazu führt, dass man immer auf die Pronomen einer anderen Person achten sollte, wenn man sich ihr gegenüber angemessen verhalten möchte.

Ich möchte mich nicht mit meinem Geschlecht auseinandersetzen, weil ich meine Persönlichkeit nicht als männlich betrachte und ich mich nicht damit identifiziere. Wenn ich nun meine Pronomen bestimme und öffentlich angeben soll, trage ich damit etwas vor mir her, was für mich nicht zu meiner Identität dazugehört. Dass ich dennoch auf männlichen Pronomen bestehe, hat eher damit zu tun, dass die Wörter für mich eine angenehme Gewohnheit besitzen. Dass ich mich selbst am ehesten als Cis-Mann bezeichne, hat damit zu tun, dass ich von meiner Umgebung dazu gezwungen werde, mich zu identifizieren.

Ich stimme dem ersten Argument teilweise zu, möchte als Lösung aber die umgekehrte Herangehensweise empfehlen: Anderssein in diesem Fall als etwas Positives betrachten. Es erscheint mir wichtig, deutlich zu machen, dass es vollkommen in Ordnung ist, sich in bestimmten Aspekten nicht zugehörig zu fühlen oder Dinge zu tun, die andere nicht tun müssen, solange man grundsätzlich dennoch akzeptiert wird. Nicht zu wissen, ob man männlich oder weiblich, heterosexuell, bisexuell oder homosexuell ist, kann furchtbar nervig sein, aber ich plädiere dafür, sein Leben nicht davon bestimmen zu lassen. Indem man aber verlangt, dass sich andere Menschen anpassen, sagt man indirekt: Anderssein ist schlecht, um damit zu erreichen, dass die betroffenen Personen besser zurechtkommen.

Ich stimme dem zweiten Argument nicht zu, weil ich davon ausgehe, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, auf die Vielfalt des Geschlechterbegriffs und der Identität einzugehen und sie in die Diskussion zu bringen. Ich halte es sogar für nicht sinnvoll, andere Menschen über Vorschriften in diese Richtung zu drängen, weil sich die Auseinandersetzung dann vor allem auf Zwänge ausrichtet.

Ich stimme dem dritten Argument vollständig zu, würde aber sagen, dass es Annäherungen wie Namen oder Äußeres gibt, die gut genug sind, um es als kleineres Problem zu betrachten. Wenn man sich täuschen sollte, passt man dementsprechend seinen Sprachgebrauch an! Ich möchte deshalb die Aufmerksamkeit anderer Menschen nicht auf dieses Problem lenken, sondern auf die Interessensbereiche, die für mich wichtig sind.