Veganismus

2015-06-19

Alles hat ein Recht auf Leben. Doch was bedeutet das genau? Und welche moralischen Probleme ergeben sich aus dieser Vorstellung? Heutzutage sprechen wir von Tierethik, wenn wir uns mit unseren Handlungen gegenüber anderen Tieren auseinandersetzen. Vegetarismus und Veganismus sind dabei ein fester Bestandteil unseres Wortschatzes und unseres Lebensgefühls geworden. Doch kann der Veganismus die Frage nach einem moralischeren Leben beantworten?

In diesem Artikel möchte ich Argumente sammeln, die für unterschiedliche Perspektiven im Hinblick auf Tierrechte und dem Recht auf Leben stehen. Der Artikel soll anhand des Veganismus einen Überblick über unterschiedliche Argumentationsstrukturen liefern und dadurch Gespräche zum Thema vereinfachen. Um ein kritisches Lesen zu unterstützen, möchte ich dabei meine Auffassung zu diesem Thema vorwegnehmen.

  1. Gleichheit: Im entsprechenden Abschnitt gehe ich näher darauf ein, wie wir zu unserer Grenze für Mitgefühl gelangen und welche Auswirkungen unser Mitgefühl auf unseren Umgang mit anderen Lebewesen hat.
  2. Ernährung: In diesem Kapitel gehe ich darauf ein, warum wir anderen Lebewesen immer Gewalt antun müssen, um zu überleben.
  3. Ziele: In diesem Abschnitt versuche ich deutlich zu machen, warum moralisches Handeln von den Zielen abhängt, die wir in der Gesellschaft festlegen und wie diese Ziele von unserem Mitgefühl geprägt werden.

Meinung: Meiner Ansicht nach ist der Veganismus keine außergewöhnliche Hinwendung zu einem moralischen Leben, da die Grenzen, nach denen wir Mitgefühl rechtfertigen, keine Allgemeingültigkeit besitzen [1] und Menschen anderen Lebewesen immer Gewalt antun müssen, um zu überleben. [2] Es handelt sich für mich aber auch nicht um ein moralischeres Leben im Hinblick auf Tierprodukte, da man der Vorstellung von Gleichbehandlung nicht näher kommt, weil unser Maßstab, Tieren mehr Bedeutung als Pflanzen oder Objekten zuzuweisen, aus der Vorstellung erwächst, dass wir das Bezugsobjekt sind. [1] Weiterhin ist es auch fragwürdig, ob sich soziale oder ökologische Aspekte auf konkrete moralische Diskussionen zum Leben übertragen lassen: Dass beispielsweise Menschen hungern müssen oder dass Regenwälder gerodet werden, um mehr Platz für Weidetiere zu schaffen, sind keine Probleme der allgemeinen Nutztierhaltung, sondern Probleme der gesellschaftlichen Übereinkunft. [3]

Auf der anderen Seite ist Veganismus kein bisschen schlechter als Fleischkonsum, und er ermöglicht darüber hinaus eine verstärkte Auseinandersetzung mit der eigenen körperlichen Entwicklung und mit den Problemen der Gesellschaft. Dennoch löst er nicht das Problem eines moralischeren Umgangs mit der Natur. Allerdings halte ich das auch generell für unmöglich. Wenn wir moralischer mit der Natur umgehen wollen, dann müssen wir auf alles auf die gleiche Art und Weise Rücksicht nehmen, ansonsten bevorzugen wir das, was uns ähnlich ist und sind dementsprechend nicht besser als diejenigen, die scheinbar unmoralisch handeln, weil sie Fleisch essen. [1] Aus diesem Grund halte ich die Frage nach der Ernährung und nach einem besseren Umgang mit der Natur für moralisch nicht einwandfrei lösbar, was Veganismus, Vegetarismus und Fleischkonsum für mich zu gleichberechtigten Antworten macht.

In Bezug auf Gesetze tendiere ich hingegen zum Mitgefühl für die geistige Leistungsfähigkeit einer Art. Je stärker bestimmte geistige Aspekte in Tieren hervortreten, desto höher sollten Auflagen zur Jagd und zum Verzehr von Tieren werden. Sobald eine zu definierende Grenze überschritten wird, gilt dann eine Gleichstellung auf Menschenrechtsebene. Ich rechtfertige diesen Vorschlag mit einer Annäherung an das, was uns überhaupt erst in die Lage dazu versetzt, moralische Entscheidungen zu treffen: unsere geistigen Fähigkeiten. Eine Gleichstellung auf Grundlage von Schmerz ist genauso gleichberechtigt vorstellbar. Ich tendiere jedoch zum Mitgefühl für die geistige Leistungsfähigkeit einer Art, weil ich den Schmerz als Reaktion auf eine Wahrnehmung als zu allgemeingültig ansehe. [1]

Dragon Fruit
Dragon Fruit, Jill Gärtner, 2015

Moralischer Aspekt: Wenn man sich konkret als Veganer bezeichnet, dann hat dies für mich immer eine moralische Komponente, da der Verzicht von Fleisch anscheinend so wichtig ist, dass er zu einer Überzeugung wird, die benannt werden muss. Wenn ich mich gesund ernähren möchte und deshalb kein Fleisch esse, dann muss ich mich nicht als Veganer bezeichnen. Wenn mir Fleisch nicht schmeckt, ebenso nicht. Wenn zufällig der vegane Lebensstil mit meinen eigenen Gewohnheiten übereinstimmt, dann ebenso nicht. Wer sich als Veganer bezeichnet, verzichtet meiner Ansicht nach nicht einfach nur auf tierische Produkte, er verzichtet darauf, weil er es als falsch bewertet, sie zu benutzen. Ansonsten wäre der Verzicht für mich nicht ausreichend genug begründet; dementsprechend eine Verallgemeinerung und ein Vorurteil. Beispiel: Mir schmeckt Fleisch nicht, deshalb verzichte ich auf alle tierischen Produkte, obwohl ich kein Problem mit Gelatine oder Leder habe.

Natürlich verändern sich die Bedeutungen von Begriffen. Und das gilt auch für die moralischen Aspekte von Vegetarismus und Veganismus. So erscheinen "vegetarisch" und "vegan" als gute Begriffe für ein Produkt, das kein Fleisch oder generell keine tierischen Stoffe beinhaltet. Veganismus kann also auch wesentlich weiter gefasst werden, sodass man eben auf alle tierischen Produkte verzichtet, egal aus welchem Grund. Das erscheint mir für eine Auseinandersetzung mit einer Überzeugung allerdings nicht angebracht, da meiner Ansicht nach eine Überzeugung immer auch Bewertungen mit sich führt. Die gerade eben erwähnte Definition des Begriffs "Veganismus" würde diese Bewertungen allerdings nicht besitzen und wäre demnach nicht mit der Überzeugung von einem veganen Lebensstil gleichzusetzen. Beispiel: Man kann sich zwar als Veganer bezeichnen, weil man vegane Produkte kauft. Aber es erscheint mir dennoch merkwürdig, sich so zu bezeichnen, ohne etwas gegen die Ausbeutung von Tieren zu haben.

Methode: Nachdem ich meine eigene Überzeugung dargestellt habe, möchte ich im weiteren Verlauf des Textes eine äußerst neutrale Position einnehmen. Ich werde versuchen, für alle Perspektiven so positiv wie möglich zu argumentieren, um jeder von ihnen die gleiche Möglichkeit einzuräumen, uns von ihren Inhalten zu überzeugen. Welche Argumente letztendlich die besten sind, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Deshalb ist eine Rangfolge der Argumente relativ schwierig herzuleiten. Aus diesem Grund liste ich die Argumente so auf, wie sie mir am überzeugendsten erscheinen.

Ich versuche anhand von Diskussionen mit Freunden, wissenschaftlichen Texten und eigenen Überlegungen eine Vielzahl von Argumenten zu sammeln, um dadurch die Argumentationslinien abzustecken und intensiv zu hinterfragen. Dabei spielt für mich weniger eine Rolle, ob eine Argumentation relativ leicht widerlegt werden kann, als vielmehr aus welcher Überzeugung heraus diese überhaupt angewendet wird. Nachdem ich ein Argument beschrieben habe, versuche ich im Anschluss dieses, so gut es geht, zu widerlegen und dann wiederum das Gegenargument zu entkräften. Dadurch soll eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Thema entstehen, die aber dennoch eine gewisse Übersichtlichkeit bewahrt.

Gliederung

Argumentenauflistung: Philosophie / Ethik

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