Sprachliche Zweifelsfälle

2019-04-16 History Videos

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2019-04-30: Aufgabenblatt III

  1. Kleiner 2014, Text zusammenfassen
    1. Wann und warum entwickelte sich die Aussprachenorm im Deutschen? Welche Namen werden damit in Verbindung gebracht?
      • 1803 Goethe mit Regeln für Schauspieler: "Wenn mitten in einer tragischen Rede sich ein Provinzialismus eindrängt, so wird die schönste Dichtung verunstaltet und das Gehör des Zuschauers beleidigt"
      • 1885 Wilhelm Viëtor eigentliche Begründer der deutschen Aussprachekodizes, ebenfalls Aussprachewörterbuch, für Kleiner realitätsnäher, aber weniger wirksam
      • 1898 Theodor Siebs mit einer Tagung zur Theateraussprache, verbindlicher Katalog zur Bühnenaussprache, Bestrebungen über das Theater hinaus wirksam zu sein
      • 1922 Erweiterung auf die Schule
      • 1931 Erweiterung auf Rundfunkaussprache
      • 1962 Duden-Verlag mit Max Mangold
      • 1964 Wörterbuch der deutschen Aussprache
      • 1974 Ausspracheduden (mit empirischen Daten von Rundfunksprechern) in die zweite Duden-Variante aufgenommen
    2. Eine Erweiterung der Norm auf den Schulbereich erfolgte offiziell 1922. Warum wurde diese Entwicklung durchaus kritisch betrachtet?
      • Oskar Brenner: mangelnde Berücksichtigung süddeutscher Varianten
      • Hermann Paul: "Es genügt, wenn die Besonderheiten auf ein solches Maß eingeschränkt sind, daß das gegenseitige Verständnis nicht mehr behindert ist. [...] Will man für die Schulsprache bestimmte Regeln aufstellen, deren Durchführung wirklich möglich und wünschenswert ist, so muß man diesen Regeln für jede Landschaft eine besondere Fassung geben." - Ansonsten schadhaft, da man gegen die Sprachnatur und das Umfeld ankämpft.
    3. Welche Rolle spielen Nachrichtensprecher im Zusammenhang mit der Entwicklung deutscher Aussprachekodizes? Wie wird dies von Kleiner beurteilt?
      • "Mit der 2. Auflage (Duden 1974) übernimmt der Ausspracheduden dann wesentliche Ergebnisse aus dem 1964 erstmals (unter der Federführung von Hans Krech) in Leipzig herausgegebenen „Wörterbuch der deutschen Aussprache“ (WDA), das mit dem 1982 erschienenen „Großen Wörterbuch der deutschen Aussprache“ (GWDA) vier Auflagen erlebt. Dessen große Leistung war es, erstmals mit der Beschreibung des Sprachgebrauchs von Nachrichtensprechern bei der Ausübung ihres Berufs eine konsequente empirische Basis zur Grundlage für einen Aussprachekodex zu machen. Dies führte im Vergleich zu den bisherigen Kodifikationen zu einem deutlichen Realitätsgewinn im Sinne der Annäherung der kodifizierten Formen an einen tatsächlich existierenden Sprachgebrauch.", Kleiner 2014, S. 275
      • "Eine sehr zu begrüßende Neuerung im DAW stellen die eigenständigen, deskriptiv orientierten und damit notwendigerweise variantenreichen Kapitel von Peter Wiesinger (2009) sowie von Walter Haas und Ingrid Hove (2009) zur Standardaussprache in Österreich und der Schweiz dar.", Kleiner 2014, S. 276
    4. Notieren Sie das Konzept von „Gebrauchsstandard“, das Kleiner zugrunde legt. Warum grenzt sich Kleiner von bereits bestehenden Begriffen bzw. Konzepten ab?
      • "Mit dem Terminus „Gebrauchsstandard“ bezeichnen wir gemäß unserem korpusbasierten Ansatz die empirisch feststellbare Sprachform, die uns in formellen Situationen (Vorlesesprache, soziobiographisches Interview) unserer Spracherhebung mit Sprecherinnen und Sprechern mit höherer Schulbildung entgegentritt."
      • Er grenzt sich ab, weil er nicht beleidigend werden möchte, bei der Bezeichnung einer Variante, so wie es zum Beispiel intendierter Standard oder Substandard sind
      • Und er grenzt sich von einem Laienverständnis ab, weil dieses sonst zu vorurteilsbehaftet ausfällt.
  2. Wie würden Sie die fettgedruckten Beispielwörter standardsprachlich aussprechen? Wie in anderen Varietäten, die Sie sprechen?
    • Ich werde heute später ankommen. Davon wird er noch erzählen. Könntest du mir das Brett sägen?
      • Phänomen: Vokalvarietät von [e]
      • Spektrum: Öffnungsgrad: geschlossen bis überoffen
    • Ist denn das richtig? Magst du eine kleine Süßigkeit zum Kaffee? Hast du wenigstens gut geschlafen?
      • "Realisierung des auslautenden Konsonanten in -ig in den drei Belegwörtern billig, König und richtig. Differenziert wurden die drei Lauttypen [ç] ("ich"-Laut), [ɕ/ʃ] (vorverlagerter "ich"-Laut mit mehr oder weniger ausgeprägtem "sch"-Klang) und [k] (darunter fallen alle belegten Verschlusslaute von stimmlosem [g̊] bis zu affriziertem [kx]). Ursprung der Belege: 1. König: Übersetzung von englisch king im Satz The lion is the king of the animals; 2. billig: gelesene Wortliste; 3. richtig: zwei Belege aus demselben Lesetext in den Sätzen Man kann nur hoffen, dass das Publikum richtig begeistert sein wird ... und Da bekomme ich gleich richtig Hunger und Appetit (der zweite Beleg ist ausschließlich auf einer Kontrastkarte zum vorhergehenden Beleg kartiert, die nur über einen Link im Text zugänglich ist), außerdem wurden auf der letzten Karte dieser Seite alle in den Interviews vorhandenen spontansprachlichen Belege für richtig kartiert."
      • Spirantisierung des /g/, palatal-plosiv
      • Nord-Süd-Verteilung, lexemspezifisch
    • Er ging rasch nach Hause. Sein Leben hing am seidenen Faden.
    • Er hat einige Jahre in Ägypten gelebt. Sie hat sich einen Zylinder bestellt.
    • Möchtest du noch Sirup? Warten wir die nächste Saison ab.
      • S im Anlaut, stimmhaft oder stimmlos
    • Sie haben sich für das evangelische Schulzentrum beworben. Er sucht nach einer neuen beruflichen Perspektive.
    • „Eine hochkarätige Jury“, kommentierte der Journalist. Diese Gummibärchen sind ohne Gelatine hergestellt.
    • Sie kümmert sich in den Ferien besonders gerne um ihre Pferde. Reich mir bitte mal den Pfeffer. Der Beitragssatz zur Pflegeversicherung wird wieder steigen.
      • Pf wird als F realisiert
    • Eine Wohnung ohne Balkon kann ich mir nicht vorstellen. Sie haben im hinteren Waggon einen guten Platz gefunden.
      • Nasalierung, Balkong oder Balkohn - Fragestellung: Gibt es Betohn?
    • Ich sehe dafür keine Notwendigkeit.
    • Mach bitte nicht so ein Theater. Wir haben uns die mit Gras bewachsene Ruine erklettert.
      • Glottisverschluss am Silbenendrand, ohne Morphemgrenze, The-'ater anstatt Theater

2019-05-07: Aufgabenblatt IV

  1. Für die Wortschatzarbeit erweist sich das Variantenwörterbuch des Deutschen 2016 (2. Auflage) als eines der zentralen Nachschlagewerke. Beschäftigen Sie sich deshalb einführend mit dessen Konzeption und Aufbau (Kapitel 1-2):
    • Was wird im Variantenwörterbuch erfasst?
      • Dies ist ein Spezialwörterbuch des Standarddeutschen, also des im öffentlichen (vor allem schriftlichen) Sprachgebrauch als angemessen und korrekt geltenden Deutschs („Hochdeutsch“, „Schriftdeutsch“) (Ammon etc. 2016, Kapitel 2, S. 1)
      • In das vorliegende Wörterbuch wurden jedoch nicht alle Wörter und Wendungen des Standarddeutschen aufgenommen, sondern nur solche, die nationale oder regionale (areale) Besonderheiten aufweisen, sowie –
        soweit vorhanden – deren gemeindeutsche Entsprechungen. (S. 1)
      • die nationalen und regionalen standardsprachlichen Varianten des Deutschen in den drei Vollzentren der deutschen Sprache Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in den vier Halbzentren Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Neu hinzugekommen sind drei Viertelzentren, nämlich in Rumänien, Namibia sowiein den Mennonitenkolonien weit verstreut über den amerikanischen Kontinent (Ammon etc. 2016, Kapitel 1, S. 1)
      • In jedem Voll-, Halb- und Viertelzentrum gibt es – per definitionem – spezifische nationale Varianten des Deutschen. Nur dann handelt es sich überhaupt um ein Zentrum der deutschen Sprache, wobei nationale
        Varianten nach dem Verständnis für dieses Wörterbuch immer Standardvarianten sein müssen.
    • Welche Informationsquellen wurden für die Erstellung des Wörterbuches verwendet?
      • einem Lemma des Variantenwörterbuchs wird dann ein eindeutig standardsprachlicher Status zugesprochen, wenn es erstens in einer gewissen Häufigkeit in „Modelltexten“ vorkommt, zweitens von SprachexpertInnen als standardsprachlich eingestuft wird oder drittens – zumindest in den Vollzentren – in standardsprachlichen Sprachkodizes aufgenommen ist, ohne aber in diesen als nur eingeschränkt standardsprachlich bzw. als Nonstandard (z. B. als „mundartlich“, „umgangssprachlich“ oder ähnlich) markiert zu sein. Als „Modelltexte“ wurden für die Neuauflage überregionale wie regionale Zeitungstexte des Deutschen herangezogen, die in großangelegten flächendeckenden Korpora zur Verfügung standen (s. unten). Als SprachexpertInnen dienten die im Vorwort genannten KollegInnen aus den verschiedenen Voll-, Halb- und Viertelzentren – zugleich auch MuttersprachlerInnen aus den betreffenden Regionen –, deren Gruppe im Vergleich zur Erstauflage (insbesondere auch mit Blick auf die regionale Variation innerhalb Deutschlands) deutlich ausgeweitet wurde. An Sprachkodizes wurden (vor allem mit Blick auf die drei Vollzentren) die einschlägigen Nachschlagewerke herangezogen und verglichen (insbesondere auch, weil die Angaben zu bestimmten Varianten in den unterschiedlichen Werken nicht immer übereinstimmten) (S. 2)
      • Modelltexte wurden aus dem wiso-Korpus genommen, der aus Tausenden von Zeitungsartikeln aus ganz Deutschland besteht, Unterteilung in verschiedene Himmelsregionen
    • Die Auswahl der Stichwörter erfolgt nicht willkürlich. Wovon wurde es abhängig gemacht, ob ein Wort in das VWB aufgenommen ist oder nicht?
      • Zur objektiven Gewichtung der drei genannten Säulen, auf denen die Einstufung der Standardsprachlichkeit eines Lemmas bzw. seine Klassifizierung als Grenzfall basiert, wurde ein „Bewertungssystem“ entwickelt, das in allen drei Arbeitsgruppen zum Einsatz kam (S. 2)
      • Anzahl in den Korpora, Existenz von Synonymen, Sprachkenntnisse der Sprachexperten, Behandlung in den Kodizes
    • Besonders schwierig ist die Entscheidung bei sog. „Grenzfällen des Standard“. Was ist mit diesem Begriff gemeint? Auf welcher Grundlage hat man hier über die Lemma-Aufnahme entschieden?
      • Nach diesem Bewertungssystem wurde ein Lemma dann als „Grenzfall des Standards“ eingestuft, wenn es zwar eine gewisse Gebrauchsfrequenz in den als Modelltexte zu bewertenden Korpora mindestens eines Zentrums aufwies, aber im Hinblick auf stilistische oder varietätenlinguistische Aspekte in Standardkontexten als „markiert“ einzustufen war. Bei dieser Einstufung halfen neben den Einschätzungen von SprachexpertInnen und lexikographischer Nachschlagewerke vor allem qualitative Tiefenbohrungen in Korpora, die etwa aufdeckten, ob ein Lemma gehäuft oder sogar ausschließlich nur mit typographischer Hervorhebung (insbes. Anführungsstrichen), in konzeptionell mündlichen Redebeiträgen oder anderen markierten Kontexten auftritt. (S. 3)
      • absolute Häufigkeit in den Korpora;
      • relative Häufigkeit im Vergleich zu den anderen Vollzentren;
      • Existenz von Synonymen und deren Häufigkeit;
      • lautliche und morphologische Besonderheiten des Wortes (dialektale Merkmale);
      • Einschätzung der Stilebene des Wortes (in Wörterbüchern bzw. durch SprachexpertInnen);
      • Anteil des Vorkommens in markierten Dialektzitaten und direkter Rede.
  2. Den Atlas zur deutschen Alltagssprache (= ADA) haben Sie bereits als Recherchewerkzeug kennengelernt. Befassen Sie sich genauer mit den Aufgaben der aktuellen Umfragerunde. Wie wird dort nach lexikalischen Phänomenen gefragt? Notieren Sie die verschiedenen Erfragungstechniken bzw. Frageweisen zum Thema „Wortschatz“.
    • Umschreibungen und Abbildungen der zu benennenden Sachen
    • Auswahlmöglichkeiten der Lemmata mit eigener Eingabemöglichkeit
    • Beispielsätze mit Lücken
    • Beispielsätze ohne Lücken, aber mit Hervorhebungen für Unterschiede, Konfrontation mit Möglichkeiten
  3. Gehen Sie nun in die Recherchearbeit. Suchen Sie nach Informationen zu drei der unten stehenden Lexeme. Arbeiten Sie jeweils mit dem ADA (http://www.atlas-alltagssprache.de) und mit dem Variantenwörterbuch
    (https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/44809):
    • Unterschiede:
      • ADA: Alltagssprache; Datenerhebung über Onlineumfragen;
      • VWB: Regionale Varianten des Standards; Datenerhebung über Modelltexte, Expertensprecher, Kodizes;
    1. Bierdeckel
      • Welche Varianten finden Sie?
        • Bierdeckel, Bierfilz, Untersetzer
      • Wo sind die Varianten zu verorten?
        • Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum wurde weit überwiegend Bierdeckel gemeldet. In Altbayern, Oberfranken und Bayerisch-Schwaben ist dagegen das Wort Bierfilz verbreitet. Die Bezeichnung Bieruntersetzer ist nur vereinzelt im Nordosten und im Westen belegt; aus Österreich wird nur einmal Bierplattl gemeldet.
        • Bierfilz: Süddeutschand, Südost
      • Notieren Sie Besonderheiten und Auffälligkeiten.
      • Wie passen Ihre Rechercheergebnisse zu Ihren persönlichen Sprach- bzw. Varietätenerfahrungen?
    2. Mundart
      • Welche Varianten finden Sie?
      • Wo sind die Varianten zu verorten?
      • Notieren Sie Besonderheiten und Auffälligkeiten.
      • Wie passen Ihre Rechercheergebnisse zu Ihren persönlichen Sprach- bzw. Varietätenerfahrungen?
    3. Klassenarbeit vs. Hausaufgabe
      • Welche Varianten finden Sie?
      • Wo sind die Varianten zu verorten?
      • Notieren Sie Besonderheiten und Auffälligkeiten.
      • Wie passen Ihre Rechercheergebnisse zu Ihren persönlichen Sprach- bzw. Varietätenerfahrungen?
    4. gell
      • Welche Varianten finden Sie?
        • wahrscheinlich kein Standard aufgrund von starker Versicherung in der Mündlichkeit
        • ADA: Für die Versicherungsfrage in einem Satz wie „Das ist ein herrliches Wetter heute, ....?“ (wenn sich alle einig sind) zeigt die Karte einen auffälligen Gegensatz zwischen einem nördlichen und einem südlichen Teil des deutschen Sprachgebiets. Im Norden ist die Kurzform ne vorherrschend; im Nordosten sowie in kleineren Gebieten des (Nord-) Westens (Ostfriesland, Niederrhein, Eifel) ist auch oft wa zu hören. Das schon immer kleinräumig verteilte woll wird heute nur noch aus dem Bergischen Land und dem Sauerland gemeldet. Südlich von Eifel, Westerwald und Thüringer Wald ist gell in verschiedenen Ausspracheformen (gel/ge/gö/gä/gäu) die vorherrschende Variante; nur noch für einzelne Orte an Lahn und Main sowie in Nordhessen und im Saarland ist gelle charakteristisch, das vor 30 Jahren als typische Ausspracheform für diesen Satz in einem breiten Streifen Mitteldeutschlands zwischen dem Saarland und dem Süden Thüringens genannt wurde (vgl. WDU II, 104).
      • Wo sind die Varianten zu verorten?
      • Notieren Sie Besonderheiten und Auffälligkeiten.
      • Wie passen Ihre Rechercheergebnisse zu Ihren persönlichen Sprach- bzw. Varietätenerfahrungen?
    5. Plaste
      • Welche Varianten finden Sie?
      • Wo sind die Varianten zu verorten?
      • Notieren Sie Besonderheiten und Auffälligkeiten.
      • Wie passen Ihre Rechercheergebnisse zu Ihren persönlichen Sprach- bzw. Varietätenerfahrungen?
    6. Rinderbraten, Schweinebraten und Adventkranz
      • Welche Varianten finden Sie?
      • Wo sind die Varianten zu verorten?
      • Notieren Sie Besonderheiten und Auffälligkeiten.
      • Wie passen Ihre Rechercheergebnisse zu Ihren persönlichen Sprach- bzw. Varietätenerfahrungen?
  4. Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus Ihrer Arbeit am Thema „Wortschatz“ im Hinblick auf den Begriff „Standard“?

2019-05-21: Aufgabenblatt VII

  1. Lesen Sie Kapitel 1 und 3 aus dem Aufsatz von Thieroff 2003 und beantworten Sie folgende Fragen schriftlich:
    1. Nennen Sie die Arten von Flexionsklassenwechsel, die in Kapitel 1 thematisiert werden und notieren Sie jeweils ein dazu passendes Beispiel.
      • stark/schwach/gemischt entscheiden: Genitiv Singular, Nominativ Plural
      • schwache Substantive werden stark: des Hasen oder des Hasens? Piloten
      • starke Substantive werden wie schwache Substantive behandelt: Zwerg
      • gemischte Flexion als schwache Flexion: des Autoren anstatt des Autors
    2. In Kapitel 3.1 wird das Prototypenmodell zur Flexion schwacher Maskulina von Köpke 1995 vorgestellt. Nennen Sie die Merkmale des Prototyps. Wie lässt sich nach diesem Modell das Flexionsverhalten von Mensch und Gedanke erklären?
      • Mehrsilbigkeit, Penultimabetonung (vorletzte Silbe betont), endet auf Schwa; semantisch: +menschlich; Zusatzelemente: +belebt, -belebt
      • Prototypizität nimmt von links nach rechts und von oben nach unten ab: Gedanke besitzt zwar alle Eigenschaften der ersten Gruppierung, ist aber nicht mehr belebt. Mensch besitzt keine der Eigenschaften der ersten Gruppierung ist aber semantisch +menschlich.
      • Tendenz unbelebter schwacher Maskulina hin zu einer Bildung des Singular Nominativs mit -n, sodass eine Doppelnennung vermieden werden möchte: Der Gedanken -> deshalb: des Gedankens
      • Tendenz der Gruppe VII dazu, in die anderen Flexionsklassen überzutreten: der Mensch, in Zukunft im Genitiv gemischt: des Menschs anstatt des Menschen
    3. Thieroff weist darauf hin, dass der Flexionsklassenwechsel von Wörtern wie Dozent oder Architekt nicht zufriedenstellend mithilfe von Köpke 1995 erklärt werden kann. Welche Beobachtungen führt er deshalb in Kapitel 3.2 an, um das Flexionsverhalten von Dozent oder Architekt zu erklären?
      • Prototypische schwache Maskulina der Gruppe I und doch gemischte Flexion: des Architekts anstatt des Architekten
      • 5 Flexionsklassen
      • 1. die ersten vier Klassen haben keine Ausbildung eines Suffixes bei Akkusativ und Dativ, ein Abfall vom schwachen Typ ist eine Vereinfachung (allgemeine Regel von keiner Dativ/Akkusativ-Markierung)
      • 2. Bei Nicht-Femina ist der Genitiv Singular formal vom Akkusativ und Dativ unterschieden, schwache Typ ist anormal, da dort Genitiv, Akkusativ und Dativ homonym sind. - den Christ (allgemeine Regel der Unterscheidung von Dativ/Akkusativ zu Genitiv)
      • 3. Genitiv-s ist stark mit Genitiv verbunden, sodass Genitive dazu tendieren, das -s auszubilden, gerade Namen -> Pauls Laden
      • "Der Vergleich mit den anderen Deklinationsklassen zeigt also deutlich, dass das Flexionsmuster der schwachen Maskulina stark abweichend oder, wie Wurzel (1984) sagen würde,
        nicht strukturangemessen ist." (Thieroff 2003, S. 115)
    4. In Kapitel 3.3 wird eine weitere Besonderheit der schwachen Maskulina aufgegriffen, um Flexionsunsicherheiten zu erklären. Erläutern Sie diese anhand der Formulierung von Mensch zu Mensch.
      • "Anerkannte Unterlassung der Deklination" oder "nicht anerkannte unterbliebene Unterlassung der Deklination"
      • "Die schwachen Maskulina können nämlich - bei standardsprachlicher Verwendung - gar nicht immer mit Akkusativ- und Dativ-Suffix verwendet werden!" (Thieroff 2003, S. 115)
      • "Die Maskulina der schwachen Deklinationsklasse erhalten im Akkusativ und im Dativ Singular in der Regel dann keine Endung, wenn sie ohne Artikel, Pronomen oder Adjektiv stehen. Dies ist vor allem nach Präpositionen möglich" (Wahrig 2003, S. 327) - Abstrakta
      • "Streng strukturalistisch betrachtet heißt das, dass die schwachen Maskulina zwei Akkusativ-Singular- und zwei Dativ-Singular-Formen haben, eine mit und eine ohne n-Suffix."
  2. Gehen Sie nun in die Recherchearbeit. Suchen Sie nach detaillierteren Informationen zu zwei der unten stehenden Lexeme:
    1. Ahn
      • freie Entscheidung, freie Varianz
      • schwach: der Ahn, des Ahnen, die Ahnen
      • gemischt: der Ahn, des Ahns, die Ahnen
    2. Buchstabe
      • Seltenheit gibt Hinweis auf eine leichte Einschränkung der Varianz
      • gemischt: der Buchstabe, des Buchstabens, die Buchstaben
      • Seltenheit der schwachen Flexion - des Buchstaben
    3. Elefant
      • Elefants
    4. Psychologe
      • schwache Flexion: der Psychologe, des Psychologen, die Psychologen --> verhält sich ähnlich wie Matrose
      • Das Adjektiv psychisch bedeutet »den seelischen Bereich oder Zustand des Menschen betreffend; seelisch«, das Adjektiv psychologisch dagegen »die Psychologie, d. h. die Lehre von den Erscheinungen und Zuständen des bewussten und unbewussten Seelenlebens, betreffend; seelenkundlich«. Sprachlich genauer ist es daher, z. B. von einer psychischen Reaktion oder von psychischem Druck zu sprechen, nicht von einer psychologischen Reaktion oder von psychologischem Druck. Die Verwendung von psychologisch anstelle von psychisch ist in der Alltagssprache weit verbreitet.
    5. Fels
      • starke Flexion: der Fels, des Fels(es)
      • starke Flexion: der Fels(en), Genitiv: des Felsens (älter: Felsen), Plural: die Felsen
      • Fels / Felsen: Das Substantiv der Fels »feste Masse harten Gesteins« bleibt (außer im Genitiv: des nackten Felses / Fels ) endungslos: brüchiger Fels, beim Graben auf Fels stoßen, das Klettern im Fels. Der Felsen (des Felsens; die Felsen) wird im Sinne von »vegetationslose, schroffe Gesteinsbildung« verwendet: ein steiler Felsen, auf einen Felsen klettern. Das ältere schwach deklinierende der Fels (des Felsen; die Felsen) wirkt heute gehoben oder wird bei übertragener Bedeutung verwendet: wie ein Fels [in der Brandung] (= unerschütterlich) dastehen. ↑ Substantiv (2.2).
  3. Wie beurteilen Sie folgende Sätze? Recherchieren Sie in den Nachschlagewerken der Dudenreihe (Duden 1, 4 und 9):
    1. Ich sehe den Bergen.
      • Eher als nicht standardsprachlich einzuschätzen, da es zu einer schwachen Verwendung geht.
    2. Ich mag den Held in dieser Geschichte nicht.
      • Wandel hin zu gemischter Form.
    3. Ich brauche einen Magnet.

2019-05-28: Aufgabenblatt VIII

  1. Lesen Sie in der Dudengrammatik die Passagen zum Genitiv (S. 838-844) und notieren Sie stichpunktartig die wichtigsten Informationen zu folgenden Beispielen:
    • Dort steht das Fahrrad meines Bruders.
      • nachgestellte Nominalphrase im Genitiv
    • Dort steht das Fahrrad von meinem Bruder.
      • Präpositionalphrase (von)
    • Dort steht meinem Bruder sein Fahrrad.
      • vorangestellte Nominalphrase im Dativ, possessiver Dativ
    • eine Tasse heißen Kaffees
      • Genitivus partitivus; nicht immer von-Ersatz möglich
    • *eine Tasse von heißem Kaffee
      • nicht möglich
    • ein Künstler überregionaler Bedeutung
      • Genitivus qualitatis - gehobener Stil
    • ein Künstler von überregionaler Bedeutung
    • der Verbrauch von Wasser
    • *der Verbrauch Wassers
      • Genitivregel nicht eingehalten: Es müssen Determinierer oder Adjektiv den Genitiv zeigen. Ausnahme: Das Wort Gottes
    • der Verbrauch frischen Wassers
    • die Arbeit von drei Studierenden
    • das Haus meiner Schwester
    • das Haus von meiner Schwester
    • Sie trägt Peters Paket.
    • Er liest die Bücher Evas.
      • Die Genitivphrase kann ambig sein, sodass sich hier eine Alternative anbietet - das Paket für/von Peter
    • die Antwort des Freundes Peters
    • die Antwort von Peters Freund
      • doppelte Genitivkonstruktionen können unübersichtlich werden
    • Vermeidung von Genitivreihung, Konkretisierung der Semantik, Notwendigkeit bei der Verbrauch von Wasser
  2. Lesen Sie nun den Auszug von Bastian Sick (S. 15-18) sowie den Aufsatz von Pittner 2014 vergleichend. Beantworten Sie folgende Aufgaben:
    • Notieren Sie sich aus Pittner alle Funktionen, die der Genitiv im Gegenwartsdeutschen ausfüllen kann. Geben Sie jeweils ein Beispiel an.
      • Objekt/Komplement zu Verben: Es bedarf keiner Erklärung
        • Rückgang der Verben, die den Genitiv bilden; Ersatzkonstruktionen: NPakk, PP, Adverbiale, als-Konstruktionen - sich der Kindheit erinnern, an seine Kindheit erinnern
      • Komplement zu Adjektiven: Er ist sich seiner Fehler bewusst.
        • stabil, aber wenig frequent
      • Komplement zu einer Präposition: Wegen des schlechten Wetters bleibt er zu Hause.
        • Rektionswechsel (Genitiv -> Dativ und Dativ -> Genitiv [meines Wissens nach, trotzdem]): Schwankungen
      • temporale und lokale Angabe (Adverbial): Eines Tages verschwand sie.
        • fraglicher Status
      • Attribut zu einem Nomen: Das Haus meines Vaters ist schön.
        • funktionale Differenzierung
      • Komplement zu den Verben sein, bleiben und werden (Prädikativ): Sie ist anderer Meinung.
      • Valenzungebundenes Prädikativ: Sie rannten sehenden Auges in ihr Unglück.
        • stabil
    • Betrachten Sie vor diesem Hintergrund den Textauszug von Sick. Welche inhaltlichen Phänomene werden hier angesprochen?
      • Rückgang bei Verben, Komplement zu Adjektiven, Adverbiale
      • stärker nach Propositionen
    • Wie lässt sich fachwissenschaftlich auf die Aussage „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ antworten?
      • Dativ und Genitiv befinden sich in Schwankungen in Bezug auf die Verwendung nach Präpositionen und es gibt funktionale Differenzen beim Genitivattribut

2019-06-04: Aufgabenblatt IX

  1. Rekapitulieren Sie die Grundlagen der Verbflexion im Deutschen. Nutzen Sie dazu gerne eigene Unterlagen, das auf moodle eingestellte Skript „Flexion“ von Öhlschläger 2011 sowie die Dudengrammatik 2016. Beantworten Sie folgende Fragen stichpunktartig:
    • Wie werden Präsens und Präteritum gebildet?
      • Flexion Präsens: (schick-) ich -e, du -st, er -t, wir -en, -t, -en, (lauf-)
      • Flexion Präterium: (schick-), ich -te, du -test, er -te, wir -ten, ihr -tet, sie -ten, (lauf) lief
    • Wie werden der Indikativ und der Konjunktiv gekennzeichnet?
      • Position des -e- ihr macht, ihr machet - er macht, er mache
    • Welche Affixe haben die Kategorien Person/Numerus?
    • Was sind starke Verben, schwache Verben und unregelmäßige Verben? (Duden)
      • Die schwachen Verben bilden ohne Veränderung des Stammvokals das Präteritum mit -(e)t und fügen zur Bildung des Partizips II das Präfix ge- hinzu, wie kaufen, kaufte, gekauft.
      • Starke Verben haben im Präteritum und zum Teil auch im Partizip II einen anderen Stammvokal als im Infinitiv. Neben dem Vokalwechsel in der Stammsilbe ist ein zweites wichtiges Merkmal der starken Verben auch das Suffix en im Partizip II. Beispiele für starke Verben sind etwa singen, sang, gesungen oder laufen, lief, gelaufen sowie blasen, blies, geblasen.
    • Wie erfolgt die Perfektbildung
      • flektierte Form von haben/sein Präsens + Partizip II eines Verbs
      • haben (Standardform)
      • sein bei intransitiven Verben ohne Genitiv, die eine Veränderung oder Fortbewegung des Subjektaktanten bezeichnen
    • Reihenfolge
      • Tempus + Modus + Person/Numerus - sang - sänge - sängest
    • Tempus:
      • Präsens ohne Markierung
      • Präteritum -t(e)
    • Modus:
      • Indikativ: ohne Markierung
      • Konjunktiv: -e (+ Umlaut bei starken Verben)
    • Person/Numerus:
    • Präteritum und Partizip II
  2. Im Hinblick auf die Verbflexion sind Schwankungen bzw. Unsicherheiten zu beobachten. Diskutieren Sie die unten stehenden Beispielsätze. Finden Sie weitere, vergleichbare Fälle aus ihrer eigenen Spracherfahrung?
    • Er winkte und ich begriff, dass er mir zum letzten Mal gewunken hatte. - Varianz gewunken und gewinkt
    • Sie backten riesige Mengen, als müssten sie die ganze Stadt versorgen. - buk veralten
    • Ich habe das Holz mit dem Beil gespalten. - gespaltenes Verhältnis, eher nicht gespaltetes Verhältnis
    • Der Teig gärte.
    • Er hat sich das doch nur aus den Fingern gesogen. - gesogen hat eine übertragene Bedeutung, gesaugt bei wörtlicher Bedeutung
    • Also, ich fande den Film richtig schön!
  3. Beschäftigen Sie sich etwas genauer mit der Präsensflexion und lesen Sie in
    der Dudengrammatik die §§ 617-622 (S. 449-452). Wie beurteilen Sie die folgenden Beispiele?
    • Ich glaub eigentlich nicht, dass das stimmt. Ich geh eh gleich nochmal los, dann bring ich auch noch Brot mit.
    • Ich droh dir doch gar nicht. Ich bade nicht gerne.
    • Ich segle gerne. Vielleicht bummele ich am Nachmittag noch durch die Stadt. Morgen entwickel ich ein neues Konzept. - Tendenz zum E-Ausfall an der vorletzten Stelle (e) + Konsonant + e, entwickel wird eher nicht verwendet
    • Er atmet gleichmäßig. Sie rechnet gerne, während er lieber Vokabeln lernt. t oder ch vor m oder n führt zu et in der 3. Person Singular Präsens Indikativ
    • Du überraschest uns nun aber sehr. Wäscht du jetzt bitte mal ab?
  4. Die Perfektbildung erfolgt im Deutschen entweder mit sein oder haben. Auch hier ist Varianz zu beobachten. Recherchieren Sie in Duden 4 (2016, S. 473ff.), Duden 9 (2016, S. 906ff.) und auf der Seite des Variantengrammatik-Projektes (Überblicksartikel „Bildung des Perfekts“) zu folgenden Beispielen:
    • Ich bin aufgewacht. - klassische Perfektbildung mit sein, intransitives Verb ohne Genitivobjekt, mit Veränderung des Subjektaktanten, Bewegung im Vordergrund
    • Ich habe geschwommen. Ich bin geschwommen. - Schwankung, Normalfall sein, Varianz mit haben
    • Wir sind den ganzen Tag geklettert. Wir haben gejoggt.
    • Ich hab ihn zum Zug gefahren. Ich bin zum Zug gefahren. - Transitivität
    • Er ist bis zur gegenüberliegenden Seeseite gekrault. Er hat die Katze den ganzen Abend gekrault. - Bedeutungsdifferenzierung
    • Er ist nach Hause geschlichen. Er hat sich ins Haus geschlichen. - Transitivität
    • Sie hat auf dem Stuhl gesessen. Sie ist auf dem Stuhl gesessen. Sie hat in der Tür gestanden. Sie ist in der Tür gestanden. - diatopische, freie Varianz

2019-06-18: Aufgabenblatt X

  1. Rekapitulieren Sie den Aufbau komplexer Sätze. Lesen Sie dafür aus dem Einführungsskript von Öhlschläger 2011, Kapitel 4.2.3 (S. 72-75). Bestimmen Sie die folgenden komplexen Sätze im Hinblick auf ihre interne Struktur durch Klammerung.
    • [[Wenn Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig qualitativ hochwertige Hausaufgaben geben], zeigt sich durchaus ein Zusammenhang mit einer positiven Leistungsentwicklung in ihrer Klasse.]
    • [Eltern fragen sich mit Entsetzen, [wie sie es schaffen sollen, [ihre Kinder tagein, tagaus zu den nachmittäglichen Pflichtübungen anzutreiben.]]]
    • [Edda behauptet mal wieder, [sie habe keine Hausaufgaben auf.]]
    • [[Die meisten Lehrer geben tatsächlich regelmäßig Hausaufgaben], aber [man hört auch viel Kritik an „sinnfreien Hausaufgaben“.]]
    • [Bildungsforscher bekräftigen immer wieder, [Hausaufgaben seien als didaktisches Mittel durchaus sehr sinnvoll.]]
  2. Analysieren Sie in den folgenden Sätzen sämtliche eingebettete Sätze im Hinblick auf ihre Form (Verbstellung, Einleitung ja/nein, Art der Einleitung). Nutzen Sie dafür die „Übersicht_eingebettete_Sätze“ von Öhlschläger 2011.
    • Er weiß, dass sie gerne in die Kneipe geht.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, finiter Subjunktionalsatz
    • Ich frage mich, warum sie gerne in die Kneipe geht.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, mit w-Fragewort eingeleiteter Satz
    • Ich vermute, er hat die Wahrheit gesagt.
      • uneingeleiteter Satz, Verbzweit-Satz
    • Dort ist ja das Buch, das ich dir empfehlen wollte.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, Relativsatz
    • Die Frau, mit der er gesprochen hat, ist nett.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, Relativsatz
    • Die Tatsache, dass er raucht, macht die Situation nicht einfacher.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, finiter Subjunktionalsatz, Attributsatz
    • Sie lügt, obwohl sie erst gestern deshalb Ärger bekommen hat.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, finiter Subjunktionalsatz
    • Er tat das, um ihr zu imponieren.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, infiniter Subjunktionalsatz
    • Er versprach, morgen Vokabeln zu lernen.
      • uneingeleiteter Satz, infiniter Verbletzt-Satz
    • Wo er wohnt, ist es schön.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, Relativsatz (freier Relativsatz)
      • Dort, wo er wohnt, ist es schön! - Derjenige, der in Belitz wohnt - Ergänzung beim Relativsatz möglich.
      • Ersetzung der Fragewortes durch komplexe Phrase beim Relativsatz nicht möglich.
    • Er wollte wissen, wo sie so lange gewesen ist.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, mit w-Fragewort eingeleiteter Satz
    • Ist morgen schönes Wetter, gehen wir spazieren.
      • uneingeleiteter Satz, Verberst-Satz
    • Wenn morgen schönes Wetter ist, gehen wir spazieren.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, finiter Subjunktionalsatz
    • Während sie telefoniert, kocht er.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, finiter Subjunktionalsatz
    • Ich glaube, sie kommt erst morgen.
      • uneingeleiteter Satz, Verbzweit-Satz
    • Wer in Beelitz wohnt, weiß, wer wirklich guten Spargel verkauft.
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, Relativsatz (freier Relativsatz, Ergänzung beim Relativsatz möglich)
      • eingeleiteter Verbletzt-Satz, mit w-Fragewort eingeleiteter Satz
    • Immer wieder das Gleiche zu hören, nervt.
      • uneingeleiteter Satz, infiniter Verbletzt-Satz
  3. Zeigen Sie anhand geeigneter Beispiele aus Aufgabe 1 und 2, dass die häufig getätigte Aussage „Nebensätze haben ihr Verb am Ende“ zu kurz greift.
    • Da Nebensätze nicht am Ende eines Satzes stehen müssen, sondern anderweitig eingebettet werden können, ist auch ihre Verbletzt-Stellung demnach nicht immer am Ende des Satzes, sondern kann zu einer Verbstellung in der linken Klammer (Zweistellung) oder vor der linken Klammer (Erststellung) eines Satzes führen.
    • Ist morgen schönes Wetter, gehen wir spazieren. - Nebensatz hat das finite Verb am Anfang.
    • Edda behauptet mal wieder, sie hätte keine Hausaufgaben auf. - Nebensatz hat das finite Verb an zweiter Stelle
    • Ich glaube, sie kommt erst morgen. - eingebetteter Satz hat das Verb an zweiter Stelle.
    • Wo er wohnt, ist es schön. - eingebetteter Satz führt zu einer Verbhäufung in der Mitte des Satzes.

2019-06-25: Aufgabenblatt XI

Wo (Duden 4)

Weil (Duden 4)

Beispiele

  1. Wo finde ich denn Kreide?
    • Frageadverb lokal
  2. Sie lebt in einem Viertel, wo es kaum noch bezahlbare Mietwohnungen gibt.
    • relatives Wo bezieht sich auf Nominalphrase
  3. Sie stehen dort, wo sie ihr Haus bauen wollen.
    • relatives Wo bezieht sich auf lokales Adverb dort
  4. Sie kam zu einem Zeitpunkt, wo alle Aufgaben schon verteilt waren.
    • relatives Wo mit temporaler
  5. Sie hat gefragt, wo sie suchen muss.
    • Frageadverb im eingebetteten Satz, indirekter Fragesatz
  6. Das ist eine Angelegenheit, wo mal wieder unklar ist, wer zuständig ist.
    • Relative Verwendung, Bezug auf eine Nominalphrase
  7. Das ist eine Ehe, wo es häufiger laut wird.
    • Relative Verwendung, Bezug auf eine Nominalphrase
  8. Wir kommen jetzt zu einem Thema, wo mit Sicherheit mehrere Meinungen auftreten werden.
    • Relative Verwendung, Bezug auf eine Nominalphrase
  9. Das ist eine Reise, wo ich sehr lange für gespart habe.
    • Kombination aus Präpositionaladverb mit wo
  10. Das ist eine Sache, wo man eben nichts gegen machen kann.
    • Kombination aus Präpositionaladverb mit wo
  11. Warum sollen wir was machen, wo wir gar keine Lust zu haben?
    • Aufgespaltetes Präpositionaladverb: wozu
  12. Also das ist ja ne Sache, wo ich generell dagegen bin. (Duden 4 2016, 1051)
    • Kombination aus Präpositionaladverb mit wo
  13. Des isch der Brief, wo ich scho so lang uuf en wart (Bräuning et al. 2017, 139)
    • Kombination aus Präpositionaladverb mit wo
  14. Ich war die einzige, wo was fürs Land übrigg'habt hat. (Pittner 2005, 366)
    • relatives Wo bezieht sich auf Nominalphrase
  15. Vielleicht … 'ne Ausnahme ist der Neuberg, wo die ... vielen Villen … liegen, also auf die Keesburg rauf, wo ich auch am Anfang schon erwähnt hab, wo jetzt sehr viel neue Häuser gebaut worden sind. (Pittner 2004, 368)
  16. Des Geld, wou isch verdien, gehäiet mir. (Fleischer 2018 > SyHD)
  17. Do is der Mo, den wo i gestern gseng hob. (Pittner/Berman 2010, 84)
  18. Er woit net sogn, wo dass a gestern gwen is. (Pittner/Berman 2010, 84)
  19. das Haus, wo de mei Freund wohnt (Weise 1900, 79)
  20. Wir waren gestern spazieren, weil das Wetter so schön war.
  21. Wir waren gestern spazieren, weil das Wetter war so schön.
  22. Räum dein Zimmer auf, weil ich streiche dir sonst dein Taschengeld.
  23. Wir sind ins Elbsandsteingebirge gefahren, weil wo kann es schöner sein?
  24. Wir sind ins Elbsandsteingebirge gefahren, weil glaub ja nicht, dass ich bei dieser Ferntourismus-Mode mitmache.
  25. Frieda hat geerbt, weil würde sie sonst immerzu verreisen können?
  26. Räum bitte die Eisenbahnplatte weg, weil wohin sonst mit dem Gast?
  27. Weil er keinen Parkplatz gefunden hat, kommt Franz zu spät.
  28. *Weil er hat keinen Parkplatz gefunden, kommt Franz zu spät.
  29. Weil wir gerade über Vornamen geredet haben: Martin hat seine Tochter doch tatsächlich Iva genannt.
  30. Martin hat seine Tochter doch tatsächlich Iva genannt, weil wir gerade über
    Vornamen geredet haben.

2019-07-02: Aufgabenblatt XII

  1. Lesen Sie zunächst den Text von Bredel 2006:
    1. Wie erklärt Bredel auf Seite 7, dass SchreiberInnen häufig nicht wissen,
      wie sie schreiben sollen?
      • Abwägung verschiedener Regeln (täglich: Lauttreue -e, Stammtreue -ä)
      • Fehlende Kodierung von Phonemen (alleinige Kodierung von Phonen)
      • Prinzipien: morphologisches Prinzip: entsprechend dem Stamm; silbisches Prinzip: Silbe als Bezugsgröße nehmen; Gaphem-Phonem-Korrespondenz-Regeln (phonografischs Prinzip); G-K-Schreibung, N-Begriff, Getrennt-Zusammenschreibung: Wort- und Wortartenbegriff
    2. Welche Gründe werden auf Seite 8 für die Entwicklung orthographischer
      Varianz angeführt?
      • gleichstarke Prinzipien kämpfen um die Vorherrschaft: Stammprinzip gegen haplologisches Prinzip (gleichlautende Buchstaben vermeiden)
      • strukturelle Differenzen sicherstellen: Punkt, Komma, Semikolon; semantische Unterschiede: sitzen bleiben, sitzenbleiben
      • Sprachwandelphänomene: im Stande -> imstande
      • fehlende Regeln: Schüler*innen, Alptraum
    3. Was sind system-, norm- und personinterne Zweifelsfälle (S. 9 bzw. 12)?
      • weiter weg von der Kernorthographie
      • personinterne Zweifelsfälle: unser eigenes Zweifeln
      • systeminterne Zweifelsfälle: Kriterien werden unklarer
      • norminterne Zweifelsfälle: es gibt im System keine Lösung für diese Probleme.
  2. Lesen Sie im Anschluss den Text von Stirnemann 2012:
    1. Wie ist die Betitelung der aktuellen Rechtschreibregelung als „Variantensalat“
      zu beurteilen?
      • Seit der Reform von 2006 gibt es ein paar mehr Varianten
    2. Welche vier Typen von Schreibvarianten werden unterschieden?
        1. sachbedingte: im System angelegte Unklarheiten: zutage / zu Tage
        1. komplexitätsbedingte: zu komplex --> deshalb Varianz: Kommasetzung
        1. traditionsbedingte: Fremdwortschreibung -> Potential / Potenzial
        1. konzeptionellbedingte: Wissenschaftler haben unterschiedliche Auffassungen: aufs Beste, aufs beste
  3. Beispiele
    1. Spielt Orthografie in der Schule eine weniger wichtige Rolle?
      • ph/f
      • Fremdwortschreibung - phonografisches Prinzip
      • freie Varianz - traditionsbedingte Varianz
    2. Wir wollten nur mal kucken, ob die Blässhühner heute da sind.
      • g/k
      • diatopische Varianz - sachbedingte Varianz
      • e/ä
      • diaphasische Varianz - sachbedingte Varianz
    3. Ich brauche noch ein neues Betttuch.
      • Betttuch, Bett-Tuch
      • Komplexitätsverringerung
      • freie Varianz - komplexitätsbedingte Varianz
    4. Ferien sind eine Sauregurkenzeit, jedenfalls vonseiten der Journalisten.
      • Saure-Gurken-Zeit/Sauregurkenzeit
      • Komplexitätsverringerung
      • freie Varianz - komplexitätsbedingte Varianz
      • von Seiten/vonseiten
      • Sprachwandel, Entwicklung zu komplexer Präposition
      • freie Varianz - sachbedingte Varianz
    5. Das ist eine existentielle Frage, wenn wir die Jacht halten wollen.
      • t/z
      • existent, Existenz
      • freie Varianz - traditionsbedingte Varianz
      • J/Y
      • freie Varianz - traditionsbedingte Varianz
    6. Das ist nicht nur eine Zeit raubende Angelegenheit, sie hat auch
      weitreichende Konsequenzen.
      • zeitraubende / Zeit raubende
      • freie Varianz - konzeptionelle Varianz
      • weitreichende / weit reichende
      • Adverb oder Adverb + Verb
      • freie Varianz - konzeptionelle Varianz
    7. Ihm wird es bald besser gehen.
      • besser gehen / bessergehen
      • konzeptionelle Varianz
    8. Familien sollen dadurch bessergestellt werden.
      • Keine Varianz
    9. Wir sollen zum einen forschen, zum anderen ausbilden.
    10. Die Suche nach dem anderen blieb erfolglos.
      • anderen / Anderen - D77
      • strukturelle Differenzen
      • sachbedingte Varianz
    11. Sie versprach in Ihrer Email, goldene Wissenskörner auszusähen.
      • keine Varianz

2019-07-09: Zusammenfassung

  1. Beispiele
    • Portemonnaie/Portmonee - Schreibung --> Fremdwortschreibung
    • Thomas dachte nicht daran zu gehen - Kommasetzung --> Infinitiv mit zu
    • und Ähnliches/ähnliches - Schreibung --> Groß-/Kleinschreibung
    • Sie ist in der Sache eingeweiht. - Kasusrektion Präposition
    • Als Assistenten/Assistent - Flexion --> schwache, gemischte, starke Flexion
    • weil-Sätze - Syntax --> eingeleitete eingebettete Sätze, Verbstellung
    • Unserem Nachbarn sein Haus - Possessiver Dativ, Genitivoptionen
    • Wundert mich nicht - Ellipsen
  2. Eigene Beispiele
    • Ich werde heute später ankommen. Davon wird er noch erzählen. Könntest du mir das Brett sägen? - Phonologie --> Vokalvarietät von [e] - Spektrum: Öffnungsgrad: geschlossen bis überoffen
    • Bierdeckel, Bierfilz, Untersetzer - Lexik --> regionale Wortschatzvariation
    • Gummi, Nutella, Barock - Genus bei Nomen
    • Pizzen/Pizza, Atlasse/Atlanten - Numerus bei Nomen
    • Ich habe geschwommen. Ich bin geschwommen; bummle/bummel - Flexion --> analytische Verbform, Perfektbildung mit haben/sein - klassische Perfektbildung mit sein: intransitives Verb ohne Genitivobjekt, mit Veränderung des Subjektaktanten, Bewegung im Vordergrund
    • Radfahren/Rad fahren - Schreibung - Zusammen- und Getrenntschreibung
    • Das ist eine Angelegenheit, wo - Syntax - Wo-Sätze
    • Meines Wissens nach, meinem Wisser nach - Genitivflexion
  3. Recherchewerkzeuge (aktuellste Auflagen)
    • Duden 1: Flexion, Schreibung
    • Duden 4: Grammatik
    • Variationsgrammatik - schriftlich, mündlich (Webseite)
    • Variantenwörterbuch: Regionale Varianten des Standards
    • Duden 9: Gesammelte Zweifelsfälle
  4. Variantentypen
    • freie Varianz: Plastik/Plaste, Portemonnaie/Portmonee
    • diaphasische Varianz: der Fels (Fels in der Brandung), der Felsen; der/das Virus; weil-Sätze
    • diatopische Varianz: ich bin in der Tür gestanden (bayerisch), ich habe in der Tür gestanden; König (-g, -ch)
    • diachrone Varianz: Sprachwandelsphänomene - buk/backte
    • Frequenzunterschiede: Bereich
    • Bedingungsabhängigkeit
      • sachbedingte: im System angelegte Unklarheiten: zutage / zu Tage; aufgrund / auf Grund
      • komplexitätsbedingte: zu komplex --> deshalb Varianz: Kommasetzung, wäschst/wäscht
      • traditionsbedingte: Fremdwortschreibung -> Potential / Potenzial
      • konzeptionellbedingte: Wissenschaftler haben unterschiedliche Auffassungen: aufs Beste, aufs beste; Zeit raubende/zeitraubende
  5. Standard
    • Kein einziger Standard ist für immer fest und abgeschlossen
    • Wellenbewegung: Sprache ändert sich --> Variation --> Veränderung
  6. Wie hilft Variation?
    • Fehlerüberprüfung, Thematisierung
    • Sprachwandelfragen