Messbarmachung von Wissen und Können im Unterricht
Created: 2024-09-18 Updated: 2026-08-24
Die Seite beschäftigt sich mit der Frage danach, wie Prüfungen gesellschaftlich sinnvoll gestaltet werden können, unter der Begrenzung, dass Wissen und Können in Unterrichtszusammenhängen nur unzureichend abbildbar und messbar sind.
Gliederung
Ist eine Überprüfung von Wissen und Können sinnvoll?
Begrifflich gesehen gibt es sowohl fachliche als auch emotionale Unterschiede zwischen den Wörtern Prüfung, Überprüfung, Leistungsnachweis, Test, Klausur, Kontrolle, Rückmeldung, Feedback oder Experiment. Und dennoch haben sie alle dasselbe Ziel, Wissen und Können zugänglich zu machen, indem sie Variablen festlegen, die eine Beurteilung der vorgelegten Arbeiten ermöglichen sollen.
Überprüfungen sind dabei in der heutigen Zeit ein zentraler Bestandteil des Lehrens und Lernens und konkreter der Unterrichtsgestaltung. Bildungsinstitutionen geben vor, dass Wissen und Können getestet werden müssen, damit ihr Vorhandensein bei den Lernenden dokumentiert und damit insgesamt ein Erfolg des Unterrichts bestätigt werden kann. Wissen und Können sollen in diesem Fall abrechenbar sein, da der Effekt des Unterrichts sonst nicht festgestellt werden kann.
Ob und wie jedoch ein Bezug zwischen Unterricht, Lernergebnissen und Zielverwirklichung hergestellt werden kann, ist nicht eindeutig beantwortbar, da es eine Vielzahl von Variablen gibt, die in ihrer Wirkung nicht vollständig isoliert werden können. Variablen wie Vorwissen, Intelligenz, Talent, individueller Motivation oder Disziplin wirken teilweise individuell teilweise im Zusammenspiel darauf ein, wie Wissen oder Können erlernt und anschließend erfolgreich eingesetzt werden können.
Wenn aber kein direkter Bezug zwischen Unterrichtshandlungen und Lernergebnissen nachgewiesen werden kann, dann besteht generell die Frage, welche Aufgabe eine Prüfung in Unterrichtssituationen übernehmen soll. Und hier gehen die möglichen Antworten auseinander.
Gründe für Überprüfungen von Wissen und Können
Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern es überhaupt sinnvoll ist, eine Überprüfung durchzuführen. Was ist der gesellschaftliche Mehrwert? Verschiedene Positionen sollen vorgestellt und kritisiert werden. Abschließend soll ein Fazit für die Gestaltung von Prüfungen gezogen werden. Die Gründe sind von mir aus der Perspektive einer durchschnittlichen gesellschaftlichen Relevanz sortiert.
Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft aufrechterhalten
- Es müssen Menschen ausgebildet werden, die das Können besitzen und dazu bereit sind, Aufgaben erfolgreich zu erledigen.
- Dafür muss festgestellt werden, wer diese Menschen sind
- Prüfungen zeigen unabhängig vom Unterricht auf, wer dazu in der Lage ist, bestimmte Aufgaben nach Vorgaben zu erledigen
Erteilen von gesellschaftlichen Berechtigungen
- Wenn man einen Chirurg als Arzt ausbildet, möchte man sicherstellen, dass das Risiko für den Tod einer anderen Person minimiert wird.
- Überprüfungen dienen dazu, einen Standard für diese Aufgaben festzulegen, der von den Individuen erreicht werden muss.
Gestaltung eines individuellen Qualifizierungswegs
- Nur wenn man sich mit anderen vergleicht, kann man sinnvoll einen Weg für seine eigene Zukunft wählen, der einen selbst am ehesten glücklich macht
Rückmeldung für einen besseren Lernprozess
- Ohne Überprüfung lässt sich nicht feststellen, ob man etwas bereits ausreichend gelernt hat.
- Lehrende können auf Basis der Rückmeldung bessere Vorschläge für den weiteren Lernweg machen
Grenzen der Überprüfbarkeit
Dieser Teil fragt danach, wo heutige Prüfungen den gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen können und wo diese Erwartungen zusammenbrechen. Prüfungen können notwendigerweise nur Modellierungen von Kompetenz und nicht die Kompetenz selbst überprüfen. Das zeigt sich an bestimmten Punkten.
Prüfungen entsprechen nicht realen Situationen
- Prüfungen sind nicht mit realen Situationen identisch. Sie sind häufig vereinfachte Modelle, die einen klaren Ausgang ermöglichen, um dadurch ein Ergebnis besser kategorisieren zu können.
Prüfungsergebnisse haben keine Auswirkungen auf die Gesellschaft
- Ergebnisse aus Prüfungen besitzen häufig keinen gesellschaftlichen Mehrwert. Die Prüfung bleibt isoliert von der Gesellschaft, sodass Geprüfte ohne Konsequenzen versagen können.
- Dazu gehört auch: Prüfungen simulieren Verantwortung, ohne echte Verantwortung zu erzeugen. Daher können sie nur begrenzt erfassen, wie Personen unter realen gesellschaftlichen Konsequenzen handeln.
Prüfungen sind autoritär
- Prüfungen werden häufig so gestaltet, dass eine Partei bereits die Lösung kennt, weil die Idee darin besteht, dass man nur prüfen kann, wenn die Lösung bereits festgeschrieben ist. (Das ist allerdings nicht korrekt: Geprüft kann auch werden, wenn die Lösung über operationalisierte Ziele erreicht werden kann.)
- Wenn Lösungen bereits bekannt sind, führt das zu einer ungerechten Machtkonstellation, in der die prüfende Partei der geprüften Partei überlegen ist.
- Diese Asymmetrie führt zu der Tendenz, herauszufinden, was die wissende Partei hören möchte, anstatt ein Ziel zu erreichen, das der Gesellschaft hilft (Goodhart's Law).
- Anstatt dass beide verstehen, wann ein Ziel erreicht wurde und wann nicht, wird diese Aufgabe zu einer einseitigen Machtaufgabe.
Prüfungen täuschen Kompetenz vor
- Prüfungen von Menschen sind eine Abgabe von individueller Verantwortung, weil man darauf vertraut, dass die Prüfung dabei hilft, eine Einschätzung einer Person zu vereinfachen.
- Meistens beruhen Prüfungen jedoch auf bestimmten Bewertungsmodellen, Aufgabenformaten und Annahmen darüber, was Kompetenz bedeutet. Deshalb können Prüfungsergebnisse niemals eine vollständige Übereinstimmung zwischen der in der Zukunft erwarteten und dort gezeigten Kompetenzen erzeugen.
Folgen für die Prüfungsgestaltung
Anhand dieser Begrenzungen von Prüfungen ergeben sich für mich folgende Auswirkungen auf die individuelle und gesellschaftliche Gestaltung von Prüfungen im Unterricht.
1. Prüfungen müssen einen Mehrwert erzeugen
In der Mentor-Projekt-Schule wird dieser Mehrwert durch die gemeinsame Bestimmung eines Produkts innerhalb eines Projekts ermöglicht.
Damit wird die 1., 2. und 4. Grenze angesprochen. Dadurch das Produkte entstehen, an denen sowohl die Lernenden, Lehrenden und die Gesellschaft ein Interesse haben, wird die Prüfung an realen Situationen beurteilt, die einen klaren Mehrwert für individuelle Menschen haben und auch Kompetenzen nicht nur vortäuschen.
Produktorientiertes Lernen ist dabei das zentrale Prinzip.
2. Prüfungen müssen gemeinsam bestimmt werden
In der Mentor-Projekt-Schule wird die Prüfung gemeinsam zwischen Lernenden und Mentoren anhand eines Projektvertrags festgeschrieben, sodass die Prüfungsbedingungen formal und inhaltlich geklärt sind.
Dies spricht die 3. Grenze von Prüfungen an. Indem beide Parteien gemeinsam die Prüfungsbedingungen vorher bestimmen, gibt es eine wesentlich geringere Asymmetrie und Überraschungen.
3. Prüfungen dürfen sich nicht von Übungen unterscheiden
Prüfungen und Übungen sollten als dasselbe begriffen werden. Wenn eine Übung stattfindet, dann muss sie die gleichen Bedingungen wie eine Prüfung besitzen, damit eine Übung sinnvoll an eine Situation heranführt, die dann auch als Prüfung begriffen werden kann.
Es können natürlich verschiedene Typen von Übungen genutzt werden, um zunächst eine Heranführung und anschließend prüfungsgleiche Situationen zu ermöglichen.