Sexismus

Created: 2020-10-04 Updated: 2022-11-24 History Videos

Auf dieser Seite sammle ich meine Überlegungen zu geschlechterbasierten Fragestellungen. Ich überlege, wie sie gelöst werden können und welche Auswirkungen sie auf unser Zusammenleben haben.

Sexismus beschreibt Handlungen, bei denen Gruppen oder Personen aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuordnungen herabgesetzt oder benachteiligt werden.
Sexismus - Modified: 2022-11-24

Gliederung

  1. Konzepte
  2. Unterschiede
    1. Unzureichende Datenerhebungen
  3. Überzeugungen
    1. Zusammenarbeit
    2. Gegenseitige Rücksichtnahme
    3. Genderkritik
    4. Machtverteilung
    5. Rhetorik
    6. Gendergerechte Sprache
    7. Transidentität
    8. Pronomen
  4. Geschichte
    1. Rollen
  5. Anmerkungen
  6. Literatur

Konzepte

Unterschiede

In diesem Abschnitt gehe ich auf messbare Unterschiede aufgrund der sexuellen Zuordnung ein, die als Basis für Diskussionen und Problembeschreibungen dienen können.

Unzureichende Datenerhebungen

2006 wurde eine Gruppe bei den Vereinten Nationen gegründet, um Daten über das Leben von Frauen zu erheben, da diese bisher nur unzureichend zur Verfügung standen. Dies hat dazu geführt, dass das Thema wesentlich stärker untersucht wurde, was 2019 zur Auflistung solcher Missstände im Buch "Unsichtbare Frauen" von Criado Perez führt. Das Buch bietet dabei vor allem eine weibliche Perspektive auf die fehlenden Datenerhebungen. Grundsätzlich sollte aber bedacht werden, dass jede Datenerhebung Schwächen besitzt, da sie immer zu einer Norm führt, die konkreten Personen möglicherweise nur unzureichend gerecht werden kann.

Überzeugungen

Mein Ziel besteht darin, dass Individuen in der Gesellschaft keinen Druck verspüren, sich aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuordnungen auf eine bestimmte Weise verhalten zu müssen. Dies beinhaltet in besonderem Maße, dass Individuen aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuordnungen nicht diskriminiert werden.

Zusammenarbeit

Ich bin davon überzeugt, dass eine solche Gesellschaft nur erreicht werden kann, wenn Sexismus von Minderheiten und Frauen nicht als identitätsstiftendes Signal (rallying flag), sondern als Problembeschreibung genutzt wird, die alle miteinbezieht und an der alle ohne Schuldzuweisungen gemeinsam arbeiten können. Wenn dies nicht geschieht, dann wird ein einseitiger Sexismus durch einen anderen einseitigen Sexismus ausgetauscht.

Damit zusammenhängend sollte das Wort Patriarchat durch das konkrete Problem ersetzt werden, das gelöst werden soll. Feminismus wird in manchen Fällen so verstanden, dass alle Frauen* gegen ein Patriarchat kämpfen. Dabei soll jeder diese Sichtweise zwangsläufig übernehmen, ansonsten wird er als Mittäterin identifizert. Ich halte diese Perspektive für gefährlich, weil sie sich gegen ein abstraktes Wort stellt, das eigentlich bei jeder Verwendung näher bestimmt werden müsste, auch wenn es als emotionaler Kampfbegriff vielleicht einen Platz besitzt. Darüber hinaus ist es schwierig, zu klären, ob ein Problem aus einem historischen Patriarchat (durch die Entstehung von Hierarchien aus einer mehrere tausend Jahre dauernden Institutionalisierung des männlichen Geschlechts, zum Beispiel bei Macht- und Besitzwechsel an Söhne)1 heraus entstanden ist oder ob es sich um eine menschliche Eigenschaft (Egoismus, evolutionäre Vorteile) handelt.

In diesem Zusammenhang schlage ich vor, sich mit den eigenen toxischen Seiten und Privilegien auseinanderzusetzen. Ich schlage vor, sich mit Transmännern zu beschäftigen, die zum ersten Mal Erfahrungen mit Testosteron machen, um ein Verständnis für eine männliche Perspektive zu erlangen. Und ich schlage vor, Menschen und ihre Erfahrungen in Bezug auf diese Themen ernstzunehmen, unabhängig davon, ob es sich um eine Frau, einen Mann oder eine nicht binäre Person handelt. Wir können alle dazulernen.

Aus diesem Grund halte ich Konzepte wie Mansplaining und "Believe women!" für gefährlich, weil sie subjektive Urteile zur Diskreditierung und zum Machterhalt nutzen können. Und auch wenn die Ideen dahinter sinnvolle Ansätze bieten, lässt sich für mich nicht klären, inwiefern sie eine Zusammenarbeit zwischen den Geschlechtern verbessern.

Gegenseitige Rücksichtnahme

Wie oben bereits erwähnt, geht es bei sexuellen Beziehungen darum, auf die Bedürfnisse der anderen Person einzugehen und diese zu verstehen. Wenn das gelingen soll, muss so kommuniziert werden, dass niemand etwas im Nachhinein an der Situation anzweifeln kann. Man kann unzufrieden mit dem Ausgang sein, weil man etwas nicht gesagt hat. Man kann aber nicht unzufrieden darüber sein, dass jemand anderes nicht genügend auf die eigenen Bedürfnisse eingegangen ist, wenn man selbst diese Bedürfnisse nicht kommuniziert hat.

Kontrolle ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Kommunikation, da diese darüber entscheidet, ob eine Person etwas bekommt, was sie möchte. Es gibt in modernen heterosexuellen Beziehungen die Tendenz, dass Männer bereitwillig die Kontrolle abgeben, da sie sich gegen physische Gewalt entscheiden und dennoch weiterhin Sex haben möchten. Da Frauen in diesen Beziehungen sehr häufig den Zugang zur gemeinsamen Sexualität kontrollieren, da sie häufig einen weniger stark ausgeprägten Sexualtrieb besitzen (Baumeister et al. 2001, Quelle verlinken), entsteht ein Ungleichgewicht in Bezug auf die Zufriedenstellung von Bedürfnissen.

Dieses Problem enthält meiner Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit, weil viele Frauen, die diese Macht besitzen, sich selbst einreden, dass sie ganz generell keine Macht besitzen, weil sie möglicherweise an anderer Stelle weniger Macht besitzen. Wenn eine Beziehung einseitig kontrolliert wird und auf die Bedürfnisse aller Beteiligten nicht mit gleicher Rücksichtnahme eingegangen wird, muss dies angesprochen werden, um die Situation zu verbessern.

Eine vom Mann kontrollierte Beziehung ist stärker durch die Überprüfung sexueller Grenzen geprägt. Heutige westliche Gesellschaften tolerieren diese Form der Beziehung weniger, da sie die Integrität des eigenen Körpers und damit der individuellen Abgrenzung stärker infragestellt.

Grundsätzlich halte ich beide Beziehungstypen für akzeptabel, solange alle bewusst kommunizieren, warum sie etwas wollen. Ich denke jedoch, dass die beste Beziehung eine solche ist, in der alle Bedürfnisse ernstgenommen werden, solange sie sich im machbaren Bereich für die jeweiligen Individuen befinden. Es ist zum Beispiel problematisch, wenn jemand von der anderen Person verlangt, dass sie ihr gesamtes Geld oder ihre gesamte Zeit in die Bedürfnisse der anderen Person investiert.

Genderkritik

Ich habe eine kritische Einstellung zur starken Identifizierung mit einem sozialen Geschlecht, da ich denke, dass dies zu einem Unwohlsein in Bezug auf die Zugehörigkeit zu Gruppen führt, da ein bestimmtes Bild über das eigene Verhalten in Bezug auf die Gruppe vorgegeben wird. Anstatt also ein toller Mensch zu sein, der danach strebt, mit anderen Menschen angenehm zusammenzuleben, wird eher eine Grenze aufgebaut, die verhindert, dass man sich zugehörig fühlt.

Auch wenn ich es grundsätzlich nicht als problematisch betrachte, wenn sich Menschen mit einem Geschlecht identifizieren, so wird diesem Aspekt in unserer Gesellschaft sehr viel Macht zugeordnet, die ich gern genereller in der menschlichen Zusammenarbeit sehen würde. Ich halte mich nicht für einen Vertreter des Postgenderismus, weil ich eine positive Einstellung zu einer Zuordnung habe, weil ich denke, dass sie bestimmte auch biologische Unterschiede zugänglich macht. Ich halte nur eine starke Zuordnung für problematisch, da sie Erwartungen schafft, die ich nicht für sinnvoll erachte.

Machtverteilung

Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch Macht über seine soziale Umgebung besitzt, indem er die Handlungen anderer Menschen teilweise allein durch seine Anwesenheit beeinflussen kann. In Bezug auf Sexismus stellen sich für mich allerdings die Fragen, wie man diese Macht misst (um klären zu können, ob und was für Ungerechtigkeiten es gibt), wie stark diese Macht bei verschiedenen Geschlechtern ausgeprägt ist und daran anschließend wie man Gerechtigkeit herstellen möchte und ob das möglich ist.

Ich tendiere dazu, davon auszugehen, dass eine Gerechtigkeit unmöglich ist, weil die genaue Berechnung, wie viel Macht jemand besitzt, nicht in allen Facetten geklärt werden kann. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass einzelne Bereiche (wie zum Beispiel Geld oder politischer Einfluss) untersucht werden und eine Richtung vorgegeben werden kann, um grundsätzliche Verbesserungen an der derzeitigen Situation vorzunehmen.

Machtmessung

Machtausprägung

Gerechtigkeit und Zielstellung

Für mich besteht das Ziel innerhalb der Machtverteilung darin, Menschen dabei zu unterstützen, humanistischer zu denken und ihre eigenen Ähnlichkeitseinschätzungen auf Basis der Menschheit anstatt auf Basis von Gruppenzugehörigkeiten zu treffen. Gerechtigkeit besteht für mich vor allem darin, Vorurteile gegenüber Menschen zu beseitigen, damit diejenigen Menschen Macht erhalten, die sich für die Belange aller Menschen einsetzen, ohne eine besondere Zuneigung zu bestimmten Gruppen zu besitzen. Darüber hinaus muss die Institution als solche so konzipiert sein, dass Korruption minimiert wird.

Der Feminismus scheint häufiger darauf zu beharren, dass Politik nur für die eigene Gruppe möglich sei. Es muss eine Quote geben, weil zum Beispiel ein Mann repräsentativ nicht die Belange von Frauen vertreten kann. Für mich ist ein solches Weltbild grundsätzlich unempathisch. Und es führt meiner Ansicht nach auch im Extremfall zu der Überzeugung, dass eine repräsentative Demokratie grundsätzlich nicht funktionieren kann, da nur jeder selbst für sich bestimmen kann.

Rhetorik

Ich möchte auf Formulierungen und Konzepte hinweisen, die ich für unglücklich erachte, obwohl sie teilweise wichtige Probleme ansprechen.

Feminismus

Der Feminismus setzt sich dafür ein, dass alle Menschen gleichberechtigt und frei sind und in ihren Problemen ernstgenommen werden.2 Ich halte den Namen als Erinnerung an den Kampf der Frauen für gerechtfertigt, sehe allerdings ein, dass es merkwürdig erscheint, einer jeden einschließenden Gruppierung einen einseitigen Namen zu geben. Vielleicht lässt sich irgendwann ein anderer Name finden, der die Zusammenarbeit aller Menschen im Kampf gegen Unterdrückung stärker hervorhebt.

Lücken / Gaps

Das Bild der Lücke verweist darauf, dass eine Ungerechtigkeit zwischen zwei zu vergleichenden Gruppen besteht und dass diese durch eine Auffüllung beseitigt werden kann. Häufig wird in dieser Hinsicht darauf hingewiesen, dass eine Lücke zwischen Männern und Frauen besteht.

Mein wesentliches Problem mit diesem Konzept ist der Gedanke, dass eine Lücke einfach nur aufgefüllt werden müsste, damit eine mögliche gesellschaftliche Ungerechtigkeit verschwindet. Das ist aber nicht unbedingt der Fall, da ein Unterschied auch berechtigte Gründe besitzen könnte und es sich nur um eine scheinbare Ungerechtigkeit handeln könnte.

Unsichtbare Frauen

Die Unsichtbarkeit der Frau soll als Übertreibung darauf hinweisen, dass Frauen bei Entscheidungsfindungen nicht bedacht werden (da sie ja anscheinend nicht wahrgenommen werden beziehungsweise nicht sichtbar sind) und es dadurch zu Schwierigkeiten bei der gesellschaftlichen Teilnahme kommt, da die Welt nicht für Frauen optimiert ist.

Die Metapher der Unsichtbarkeit des weiblichen Geschlechts ist schädlich, weil sie impliziert, dass nur Frauen darunter leiden, dass Datenerhebungen zu einseitig ausfallen und dadurch fragwürdige Normen entstehen können, nach denen Menschen Entscheidungen treffen.

Allerdings führen jegliche Abweichungen von einer Norm zu Problemen für betroffene Personen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Personen männlich, weiblich oder divers sind. Indem bei diesem Problem vor allem jedoch die weibliche Seite betont wird, werden andere Untersuchungsbereiche und die damit verbundenen Menschen verdeckt.

Gendergerechte Sprache

Das Konzept einer gendergerechten Sprache bespricht die Vorstellung, dass die aktuell verwendeten Sprachen vor allem Frauen, aber auch geschlechtliche Minderheiten diskriminieren, weil sie sich in einer Zeit entwickelt haben, in der Frauen* nicht gleichberechtigt waren und die Sprachen deshalb dazu tendieren, Frauen* auszuschließen. Dies wird am häufigsten durch das generische Maskulinum verdeutlicht, bei dem die männliche Form als Allgemeinform für Frauen mitgilt, was zu einer Verdeckung möglicher Anerkennung führt.

Der Arzt hat die Verletzten behandelt. Sie ist nicht nur ein guter Allgemeinmediziner, sondern auch ein guter Chirurg.

Mit diesem Beispiel soll deutlich gemacht werden, dass ohne den Anschlusssatz die Vorstellung vordergründig davon geprägt ist, dass es sich um einen männlichen Mediziner handelt.

Diese Verdeckung von Frauen hat negative Konsequenzen, welche vordergründig in einer fehlenden Anerkennung deutlich werden, die wiederum zu einem geringeren Selbstbewusstsein führen kann. Häufig wird argumentiert, dass es sich hierbei um eine Ungerechtigkeit handelt, die durch eine männlich geprägte Gesellschaft entstanden ist.

Um diesen Zustand zu verbessern, werden alternative Benennungsvarianten angeboten. In diesen werden zum Beispiel die weibliche Form mitgenannt (Lehrer*in) oder geschlechtliche Varianten durch ungeschlechtliche Partizipien (Lehrende statt Lehrer) ersetzt. Das Problem besteht in den meisten Fällen darin, dass diese Varianten sich entweder nicht gut in den Sprachgebrauch einfügen (Flexionen mit mehreren geschlechtlichen Varianten sind schwierig) oder nur begrenzte Anwendbarkeit besitzen (Arzt -> Heilende?).

Andere Argumente hinterfragen grundsätzlich den Nutzen einer Sprachvorschrift, deren Wirkung möglicherweise nur symbolischen Wert besitzt. Es wird argumentiert, dass die angebotenen Lösungen den Sexismus teilweise sogar steigern könnten, weil sie die Benutzerinnen der Sprache dazu zwingen, sich überhaupt mit der Geschlechtlichkeit der Sprache auseinanderzusetzen und damit die vorgeschlagenen Formen möglicherweise negativ zu assoziieren.

Bisher konnten mich keine Argumente davon überzeugen, dass die wahrgenommene Ungerechtigkeit der verwendeten Sprache ein sinnvolles Projekt ist, um den gesellschaftlichen Druck auf Individuen zu minimieren. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein, wenn es darum geht, eine ineffiziente, vordergründig weiblich geprägte Form zur Pflicht zu machen. Darüber hinaus ist die Diskussion generell sehr frauenzentriert, was nicht-binäre Minderheiten ausschließt, die sich nicht mit den weiblichen Formen identifizieren.

Meiner Ansicht nach bestand der Fehler überhaupt darin, dass sich eine weibliche Variante über Ergänzungen durchsetzen konnte. Ich plädiere deshalb dafür, grundsätzlich weibliche Formen zu eliminieren, um einen einheitlichen Genus für Personen zu schaffen. Das hat damit zu tun, dass die weiblichen Varianten häufig länger sind und die vollständige männliche Form in sich aufnehmen (Läufer -> Läuferin). Ein solcher Schritt würde ebenfalls dazu führen, dass es keine Notwendigkeit mehr für weibliche Formen gäbe, da das effizienteste Wort damit für alle gilt. Wenn es dann darum geht, männliche, weibliche oder nicht-binäre Formen zu markieren, besteht die Möglichkeit, dies über Adjektive auszuformulieren (männlicher, weiblicher, diverser Arzt). In den meisten Fällen sind diese Formen allerdings überflüssig.

Ich denke, dass diese Lösung häufig unintuitiv erscheint, weil sie sich scheinbar gegen eine Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache wendet. Ich kann diese Kritik akzeptieren, halte sie aber für unüberlegt, da die Sprache durch diese Lösung grundsätzlich weniger geschlechtlich aufgeladen wäre, was ich als wichtigeres Ziel ansehe.

Da diese Variante bisher wenig diskutiert wird und ich trotzdem deutlich machen möchte, dass mir die Diskussionen und Probleme bewusst sind, nutze ich in meinem Alltag häufig eine Variante, die eine pluralistische Verwendung der Genera in den Vordergrund setzt. Dabei verwende ich geschlechtliche Varianten grundsätzlich generisch, ohne sie besonders zu markieren und wechsle sie während eines Textes ab.

Die Lehrerin muss vor der Klasse stehen, und sie sollte immer gut vorbereitet sein. Der Lehrer kann dann darauf setzen, dass seine Planung die Schülerinnen erreicht. Eine Philosophin nutzt die Begriffsanalyse, um ein besseres Verständnis über ein bestimmtes Konzept zu erhalten.

Diese Formen führen dazu, dass der Genus seine Anzeigebedeutung für den Sexus einbüßt, aber trotzdem eine Identifikation erfolgen kann, wenn Individuen dies für wichtig erachten.

Transidentität

Auch wenn ich davon ausgehe, dass es sich nicht überprüfen lässt, ob Transsexualität nur ein starkes Bedürfnis oder aber eine eher unveränderliche psychologische Eigenschaft ist, so gehe ich eher von letzterem aus, da dies mit den gemachten Lebenserfahrungen vieler Transmenschen übereinstimmt.

Grundsätzlich besteht aber weiterhin die Frage, wie Menschen ein glückliches Leben führen können, in einer Welt, in der eine Transerfahrung möglich, aber eine vollständige biologische Geschlechtsumwandlung (ohne körperliche Belastungen, Risiken und Unvollkommenheiten) unmöglich ist. Aus diesem Problem heraus, sollten möglichst noninvasive Herangehensweisen bevorzugt werden, solange bis ein eigener gesamtheitlicher Identitätsfindungsprozess abgeschlossen ist. Wenn dies nicht so umgesetzt wird, könnte es zu einer Reue kommen, die es Menschen nicht erlaubt, zu ihrer Entscheidung zu stehen. Falls jedoch der Identitätsfindungsprozess dann dennoch zu dem Urteil kommt, eine körperliche Veränderung umsetzen zu müssen, sollte diese von den Personen in der Umgebung ohne weitere Einschränkungen unterstützt werden.

Identitätsfindungsprozesse sind weder einfach umsetzbar noch einfach vorhersehbar. Aus diesem Grund sollte bei psychologischen Unsicherheiten oder schlechten Gefühlen über die eigene Identität eine Psychologin herangezogen werden. Dies verhindert eine strikte Selbsteinschätzung auf Basis von Trends, die Menschen grundsätzlich in ihrem Wohlbefinden einschränkt, ohne wirkliche Klarheit zu schaffen.

Ein Identitätsfindungsprozess sollte im Idealfall ein Austesten der Möglichkeiten der eigenen geschlechtlichen und sozialen Vorstellungen sein: Was erwartet man vom eigenen Leben und wer möchte man aus welchen Gründen sein? Was fühlt sich dabei am besten an? Identität ist wie oben bereits beschrieben, ein Aushandlungsprozess mit der Gesellschaft und sollte nicht als kreativer Ausdruck missverstanden werden, da Identitäten normalerweise nicht einfach veränderbar und dementsprechend auch nicht nur ein Modus sind, den man mal kurz vorübergehend einnimmt.

Pronomen

Mögliche Argumente, die für eine generelle öffentliche Angabe von Pronomen sprechen.

  1. Die Angabe von Pronomen hilft dabei, dass sich Transmenschen wohler fühlen, weil sie sich in einem mehr oder weniger erzwungenen Verhalten nicht allein fühlen müssen (Transmenschen geben Pronomen an, damit sie leichter in ihrem Geschlecht erkannt werden können und die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass sie von anderen falsch angesprochen werden, was eine Anstrengung darstellt, weil es ein Auslöser für schlechte Gefühle sein kann, da dadurch ihre Identität regelmäßig hinterfragt wird).
  2. Die Angabe von Pronomen hilft dabei, eine bessere Gesellschaft zu ermöglichen, in der Transmenschen grundsätzlich akzeptierter sind (Stigmatisierungen werden verhindert), weil das Geschlecht möglicherweise überhaupt zum ersten Mal als vielschichtiges Reflexionsthema entdeckt wird.
  3. Darüber hinaus gibt es keinen Weg, nach einem bestimmten Geschlecht auszusehen, was dazu führt, dass man immer auf die Pronomen einer anderen Person achten sollte, wenn man sich ihr gegenüber angemessen verhalten möchte.

Ich möchte mich nicht mit meinem Geschlecht auseinandersetzen, da ich meine Persönlichkeit nicht als männlich betrachte und ich mich dementsprechend auch nicht damit identifiziere. Wenn ich nun meine Pronomen bestimme und öffentlich angeben soll, trage ich damit etwas vor mir her, was für mich nicht zu meiner Identität dazugehört. Dass ich dennoch auf männlichen Pronomen bestehe, hat eher damit zu tun, dass die Wörter für mich eine angenehme Gewohnheit besitzen. Dass ich mich selbst am ehesten als Cis-Mann bezeichne, hat damit zu tun, dass ich von meiner Umgebung dazu gezwungen werde, mich zu identifizieren.

Ich stimme dem ersten Argument teilweise zu, möchte als Lösung aber die umgekehrte Herangehensweise empfehlen: Anderssein in diesem Fall als etwas Positives betrachten. Es erscheint mir wichtig, deutlich zu machen, dass es vollkommen in Ordnung ist, sich in bestimmten Aspekten nicht zugehörig zu fühlen oder Dinge zu tun, die andere nicht tun müssen, solange man grundsätzlich dennoch akzeptiert wird. Nicht zu wissen, ob man männlich oder weiblich, heterosexuell, bisexuell oder homosexuell ist, kann furchtbar nervig sein, aber ich plädiere dafür, sein Leben nicht davon bestimmen zu lassen. Indem man aber verlangt, dass sich andere Menschen anpassen, sagt man indirekt: Anderssein ist schlecht, um damit zu erreichen, dass die betroffenen Personen besser zurechtkommen.

Ich stimme dem zweiten Argument nicht zu, weil ich davon ausgehe, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, auf die Vielfalt des Geschlechterbegriffs und der Identität einzugehen und sie in die Diskussion zu bringen. Ich halte es sogar für nicht sinnvoll, andere Menschen über Vorschriften in diese Richtung zu drängen, weil sich die Auseinandersetzung dann vor allem auf Zwänge ausrichtet.

Ich stimme dem dritten Argument vollständig zu, würde aber sagen, dass es Annäherungen wie Namen oder Äußeres gibt, die gut genug sind, um es als kleineres Problem zu betrachten. Wenn man sich täuschen sollte, passt man dementsprechend seinen Sprachgebrauch an! Ich möchte deshalb die Aufmerksamkeit anderer Menschen nicht auf dieses Problem lenken, sondern auf die Interessensbereiche, die für mich wichtig sind.

Geschichte

In diesem Bereich gehe ich auf historische Entwicklungen ein, die für die Entstehung von Sexismus relevant sein könnten.

Biologie

Es gibt biologische Unterschiede zwischen Geschlechtern, die auf die Entstehung der sexuellen Fortpflanzung zurückzuführen sind. Diese biologischen Unterschiede führen zu gewissen Rollenerwartungen. Wenn ein männliches Individuum zum Beispiel im Durchschnitt mehr Muskelmasse als ein weibliches Individuum besitzt3, dann entsteht eine Erwartung, dass er möglicherweise generell für die Sicherheit einer möglichen Beziehungseinheit zuständig ist, auch wenn diese Erwartung in heutigen Gesellschaften weniger Relevanz besitzt.

Rollen

Es gab in vielen verschiedenen Geschichtsschreibungen eine starke Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatem. Der öffentliche Raum besaß dabei eine gewisse Gefahr (aufgrund der Anonymität der Teilnehmenden), während das Private zumindest eine Überschaubarkeit bot. In diesem Zusammenhang erläutert Franziska Schutzbach:

"Das Ideal vom trauten Heim unter der Obhut der bürgerlichen Hausfrau galt als ein Gegenmodell zu den vermeintlichen urbanen Gefahren, dem 'Schmutz' und der 'Sittenlosigkeit' der modernen Großstadt. Frauen, die ihr Leben auf die private Sphäre beschränkten, galten dementsprechend als ehrenwert und gut, während Frauen, die sich ohne männliche Begleitung oder Begleitung von Familienangehörigen im öffentlichen Raum aufhielten, als anrüchig, unkontrollierbar oder als 'leichte Mädchen' [Prostituierte] betrachtet wurden." ( Schutzbach 2021, S. 26)

Die heutige Gesellschaft betrachtet die Gefahren der Öffentlichkeit häufig als Problem des Staates und nicht als Problem des Individuums, da der Staat eine Verantwortung gegenüber seinen Bürgern besitzt. Diese Verantwortung führt aber in eine unangenehme Situation zwischen Sicherheit und Freiheit. Die Freiheit, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, steht die eingeschränkte Sicherheit von Schwächeren gegenüber.

Bisherige Lösungen sind vor allem autoritär: Immer höhere Strafen vernachlässigen die Situation des Individuums und können bei Unklarheiten auch zu höheren Ungerechtigkeiten führen. Immer mehr Überwachung zerstört die Unabhängigkeit des Individuums und das würdevolle Zusammenleben. Es wird niemandem mehr getraut. Mehr Erziehung ist nur dann relevant, wenn es sich nicht um Affekte handelt.

Anmerkungen

  1. https://www.draliceevans.com/post/ten-thousand-years-of-patriarchy-1 ↩︎
  2. https://www.gwi-boell.de/de/2018/05/25/was-ist-feminismus ↩︎
  3. http://wiki.ifs-tud.de/biomechanik/aktuelle_themen/projekte_ss18/atsb1807 ↩︎

Literatur